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Full text of "Bocksgesang : in fünf Akten"

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BOCKSGESANG 



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FRANZ WERFEL 

BOCKSGESANG 

IN FÜNF AKTEN 






MÜNCHEN 



KURT WOLFF VERLAG 



DAS RECHT DER AUFFÜHRUNG IST ZU ERWERBEN DURCH DIE 

VEREINIGTEN BÜHNENVERTRIEBE DREI MASKEN 

GEORG MÜLLER / ERICH REISS / KURT WOLFF 

VERLAG, BERLIN W 30 



COPYRIGHT 192 1 BY KURT V^OLFF VERLAG A.-G. MÜNCHEN 

DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG 

HERBST 1921 



BOCKSGESANG 



PERSONEN 

Der Gospodar Stevan Milic 

Mirko, dessen Sohn 

Mirkos Mutter 

Der Gospodar Jevrem Vesilic 

Stanja, dessen Tochter 

Stanjas Mutter 

Der Starsina 

Der Alte von Krasnokraj 

Der Alte von Modrygor 

Der Alte von Medegya 

Die anderen Alten 

Der Schreiber 

Babka 

Ein Knecht 

Ein Pope 

Der Physikus 

Ein Bote 

Der weißbärtige Bogoboj 

Juvan, der Student 

Teiterlik, ein Springer 

Der Amerikaner 

F e i w e 1 

Kruna 

Die anderen Heimgekehrten, Landlosen 

und Vaganten 
Ein Wirt 

Ein Baschi Bozuk 
Soldaten der Janitscharentruppe 
Der betrunkene Schinder 

Die Handlung sfielt in einer slawischen Landschaft jenseits 
der Donau an der Wende des achtzehnten zum neunzehnten 

J ahrhundert 

rechts und links vom Schauspieler 



ERSTER AKT 



Große Bauernstube des Gospodars Stevan Milü. Links der 
Ofen mit umlaufender Bank nächst der Türe. Rechts in der 
Seitenwand viele kleine Fenster voll märzlichen Sfätnach- 
mittagslichtes. Im verdunkelnden Hintergrund eine Treppe^ 
die ins Dachgeschoß hi7iaufführt^ und i?n Winkel die Stätte 
der Heiligenbilder 
Ein verlassener Tisch mit Resten einer Mahlzeit 



ERSTE SZENE 

Gospodar Stevan Milic, Mirko, Mirkos Mutter, 

Gospodar Jevrem Fesili}, Stanja, Stanjas 

Mutter, Babka, eine Magd 

{Man steht steif und feierlich vor dem Ofen. Babka und 
die Magd reichen die kleinen Holzbecher mit Zwetschgen- 
schnaps, während Mirkos Mutter, die Hausfrau, sie beauf- 
sichtigt) 

GOSPODAR STEVAN MILIC 
Nun, ihr lieben Gäste, noch ein letzter Schluck zu 
eurer Gesundheit! 

(Man trinkt) 

GOSPODAR JEVREM VESILIC 

(den Mund wischend) 
Ihr brennt einen guten hier. 

MIRKOS MUTTER 
Wohl bekomm's euch ! 

1 



ST ANJAS MUTTER 
Wir danken. 

BABKA UND MAGD 

(ah) 

GOSPODAR STEVAN 
So wäre denn alles zur Zufriedenheit geredet, ge- 
schrieben und begossen. Wir dürfen voll Freuden in 
eurer Stanjoschka die Braut unseres Sohnes sehn . . . 
unseres Sohnes Mirko . . . Warum schweigt eure 
Tochter? Sie hat heute nicht viel noch gesprochen, 
die Schöne. 

ST ANJAS MUTTER 
(stößt die Tochter) 
Red' etwas, sag' etwas! 

STANJA 

(steht regungslos. Nur die Blumen- und Bänderkrone des 
hräutlichen Mädchens wankt leicht) 

GOSPODAR JEVREM 
Eine Schweigende ist sie. Eine Schweigende auch da- 
heim. Denkt nur nicht, sie wäre unklug. Ich sag Euch, 
Bruder, pfiffiger als wir Alten ! 

GOSPODAR STEVAN 
Anders werden die Zeiten, anders die Seelen. Als unsere 
Väter mich und die Mutter da zusammengaben, hat 
keiner gefragt und unsere Stimmen hätten nicht ge- 
golten. Anders werden die Seelen. Darum frage ich 
dich, Stanjoschka, steht in deiner Seele etwas dagegen, 
die Braut dieses Mirko hier zu sein ? 

8 



STANJA 
Nichts! 

GOSPODAR JEVREM 
Nichts! Hört ihr's? 

STANJAS MUTTER 
Nichts! Hört ihr's? 

MIRKO 

(böse) 

Was fragt Ihr da, Vater ? Diese Frage ist nicht Eure Sache ! 

GOSPODAR STEVAN 
Sohn ! Nichts weißt du von den Schlupfwinkeln. 

(zu Stanja) 
So bist du denn, Stanja, Liebe, geladen, bis zum vierten 
Sonntag, wie es sich ziemt, im Hause hier zu bleiben, 
um deine künftige Stätte wohl kennen zu lernen ! Sieh 
dich um in der Wirtschaft, mach dich vertraut mit den 
Leuten. In allem wird dich die Mutter unterweisen. 
Doch sollst du dich in deiner Freudenzeit um nichts 
bemühen. Genieße bei uns aus dem Vollen dein Leben ! 
Bist du's zufrieden? 

STANJA 
Ich bin's und danke Euch! 

• GOSPODAR JEVREM UND DIE SEINE 
Auch wir danken Euch! 

GOSPODAR STEVAN 
Solch ernstes Gehaben widert die Jugend an. Nun 
Kinder, ihr braucht nicht vor uns Eltern von einem Fuß 
auf den anderen zu treten. Geht nur, und Gott mit euch ! 



MIRKO 
Komm Stanja! 

(Beide ab) 



ZWEITE SZENE 

GOSPODAR JEVREM 

(schüttelt Stevan liebevoll die Hand) 
Wahrhaftig! GlückHch bin ich an diesem Tag. 

STANJAS MUTTER 
Ein Paar, wie es Gott wohl gefällt. 

MIRKOS MUTTER 
Und den Menschen, die neidisch sind. 

GOSPODAR JEVREM 
Reich sind wir beide, lieber Gevatter und Nachbar, 
gebieten über manche Seele und haben uns in nichts 
nachzugeben. Wir brauchen nicht wie andere Ver- 
schwägerte Haß gegen einander zu hegen, da weder 
Euer noch unser Kind die schlechtere Wahl trifft. Ich 
hoffe Euch ebenso glücklich, wie ich es bin. 

GOSPODAR STEVAN 
Ich bin's, ich bin's. 

GOSPODAN JEVREM 
Welche Zukunft für uns beide ! 

GOSPODAR STEVAN 
Ja, es geht aufwärts. 

GOSPODAR JEVREM 
Unsere Älderväter noch Zinsbauern und Fronlinge 

IG 



dem Türken. Aber der Spahi ist alt geworden und 
sitzt, die Nargileh schmauchend, in den Steinhäusern 
der Vilajets oder schaut von seinen Kriegstürmen 
müde in die Stromwellen hinab. 

GOSPODAR STEVAN 
Wir haben an uns genommen, was unser ist. 

GOSPODAR JEVREM 
Und den Moslem möge Gott erhalten. Seine Soldaten 
werden uns schützen, denn viel Unzufriedenheit gibts 
unter den Leuten gegen die Herren und Einnehmer. 

GOSPODAR STEVAN 
Fürchte sich, wer Böses zu verbergen hat. — Unsere Höfe, 
Meiereien, Pachten, Meiler, Weinberge, Tabakspflan- 
zungen, Bauern, Raidzen, Knechte, Häusler, einmal 
vereinigt, sie werden für eine Herrschaft nicht zu dürf- 
tig sein. 

GOSPODAR JEVREM 
Seht Ihr, das ist seit langem auch mein Gedanke. Sam- 
melt, vermehrt man nur recht und beugt sich gehor- 
sam der Herrlichkeit, so sind einem zwei oder drei 
Roßschweife gewiß. 
Habt ihr viel Fahrende in euren Zadrugen ? 

GOSPODAR STEVAN 
Allzu viele ! Und zumal in diesem Jahr, da vom andern 
Ufer mancherlei Volk heimgekehrt ist. Für mich und 
für unsere Beratungen bringt das Sorge genug. 

(Er seufzt) 

1 1 



GOSPODAR JEVREM 
In diesem Punkt ist nachbarlich einiges Vorgehen ge- 
boten. Wälder unbetreten fressen das Fruchtland und 
warten des Rodens . . . 

GOSPODAR STEVAN 
(nickt) 

GOSPODAR JEVREM 
Und besser noch ! Euer, unser Sohn, der künftige Knez, 
wird aus diesen Landlosen eine Leibmannschaft sich 
anwerben. Solches ist schon geduldet worden. 

GOSPODAR STEVAN 
Eitel ist er genug. 

GOSPODAR JEVREM 

(zieht überaus deutlich eine dicke Uhr) 

GOSPODAR STEVAN 
(macht Augen) 

GOSPODAR JEVREM 
Sie werden in Wien verfertigt. 

GOSPODAR STEVAN 
Ja! Man beginnt wieder mit der Welt zu leben! 

GOSPODAR JEVREM 
Gott der Meinigen ! Es ist hohe Zeit zum Aufbruch. 
Wir sind Euch lange zur Last gefallen. 

GOSPODAR STEVAN 
Sagt so etwas nicht und bleibt noch ein wenig ! 

12 



GOSPODAR JEVREM 
Unmöglich ! Wir kommen sonst in die späte Nacht. 

GOSPODAR STEVAN 
So will ich Euren Wagen anspannen lassen. 
(Geht zur Türe) 

GOSPODAR JEVREM 
Ich begleite Euch. 

GOSPODAR STEVAN 
Die Frauen warten solange auf uns. 

(Beide ab) 

DRITTE SZENE 

ST ANJAS MUTTER 
Ich beneide Euch um Euren Hausstand, Liebste ! Wie 
das alles blitzt ! Geschirr, Silber, Schaugerät ! Und gar 
das Essen, das Ihr uns aufgetischt habt. Beim Kaiser in 
Wien kann nicht schmackhafter gebraten und gesotten 
werden. — Ich werde zittern, wenn ihr zu uns kommt. 
Wir armen Leute, wir ! Auch meine Tochter, die Stanja, 
beneide ich, daß sie Euch die Rezepte abgucken kann, 
obgleich die Böse wenig Sinn noch für derlei hat. 

MIRKOS MUTTER 
Ich werde es bei Euch nicht anders finden als bei mir. 

(höflich) 
Ihr sollt eine Webekunst treiben, wie wir sie hier nicht 
verstehn . . . 

STANJAS MUTTER 
Verzeiht mir. Liebste, wenn ich unziemlich rede. Ihr 

13 



scheint mir bedrückt, nicht fröhlich Ich liebe 

Euch und darum sag' ich das. 

MIRKOS MUTTER 
Entschuldigt mich! Ich bin glücklich. Gott gab mir 
kein Wesen, Heiterkeit zu zeigen. 

ST ANJAS MUTTER 
Ihr Gesegnete ! Seid Ihr denn nicht stolz auf Euren Sohn ? 

MIRKOS MUTTER 
Auf meinen Sohn ? Auf Mirko ? Oh, ich bin stolz auf 
ihn. 

STANJAS MUTTER 
Ein Sohn, das ist doch was anderes als eine Tochter ! 
Die Männer sind unzufrieden mit Töchtern. Mein 
Alter — er ist lange nicht so gutmütig, wie er sich den 
Anschein gibt — oft hat er mich geschlagen, daß ich 
nur ein Mädchen haben konnte. Das ist Euch erspart 
geblieben. Euer Einziger! Das ist eben die Freude des 
Hauses und die Neider schweigen. Aber . . . verzeiht 
mir, aus Liebe spreche ich so . . . vielleicht trübt ein 
altes Unglück Euren Sinn . . . Ich erinnere mich — 

(Sie rückt 7ieugierig auf ihrem Sitze) 
— Zwei Jahre bevor unser Prachtjunge da aiif die 
Welt kam, . . . Ihr gingt doch die vollen Monate in der 
Hoffnung . . . ? 

MIRKOS MUTTER 

(schweigt) 

STANJAS MUTTER 

(teihiahmsvoll lauernd) 

Das Kindchen starb wohl im zarten Alter .? Wie .? — 

H 



Auch Weiber, die zehn und zwölfe haben und die 
Namen der Rangen verwechseln, ein solches Seelchen 
vergißt sich nicht . . . Aus Liebe frage ich . . . 

MIRKOS MUTTER 
Das Kind starb bei der Geburt. 

STANJAS MUTTER 
Ein Knabe? 

MIRKOS MUTTER 
Nein! 

STANJAS MUTTER 
Ach, ein Mädchen? 

MIRKOS MUTTER 
Nein! 

STANJAS MUTTER 
Ei ! Wie das ? 

MIRKOS MUTTER 

(schnell) 
Doch! Verzeiht! Ein Knabe war's! Gewiß ein Knabe. 

DIE STIMMEN DER MÄNNER 
(am Fenster) 
He Frauen! Frauen! 

MIRKOS MUTTER 

(sich eilig erhebend) 
Lassen wir unsere Alten nicht warten ! 

(Beide ab) 

15 



VIERTE SZENE 
Bahka mit Geschirr, hinter ihr der junge Knecht 

KNECHT 
Babka ! Es hat nach dir geschrien ! 

BABKA 
Was hat geschrien ? 

KNECHT 
Oder hat es gesungen? Man kann auch sagen, es hat 
gesungen. Hahahaha! Haha . . . 

BABKA 
Was redest du, was lachst du, Narr? 

KNECHT 
Wahrhaftig! Du machst mich zum Narren! Und 
doch, es . . . 

BABKA 

(ihm in die Rede fahrend) 

Was? 

KNECHT 

No das! 

BABKA 
Du wirst hier bald den letzten Löffel Reissuppe ge- 
gessen haben. 

KNECHT 
(singt) 
Wer Augen hat, zu sehen, 
Muß auf die Wanderschaft. 

BABKA 
Du hast einen Mund, zu schweigen ! 

i6 



KNECHT 
Ich kenne noch ein Lied: 

Der kleine Stall aus Ziegelstein, 
Er wird geheizt zur Winterszeit. 

BABKA 
Sing du deine Lieder den Hammeln vor. 

KNECHT 
Du wirst sie mir nicht verbieten. 

(Singend) 
Die Türe ist eisenbeschlagen 
Und siebenfach schließt das Schloß. 
Wer trägt den Schlüssel am Bunde? 

BABKA 
Schuft! Fort aus der Herrenstube. Sie kommen, 

KNECHT 

(verzieht sich höhnisch) 



FÜNFTE SZENE 
Mirko und St an ja treten ein 

BABKA 

(ah) 

MIRKO 
Deine Eltern sind nun fort. Bist du traurie? 

o 

STANJA 
Nein, ich bin nicht traurig. 

2 Werfe], Bocksgesang I J 



MIRKO 
So liebst du die Eltern nicht? 

STANJA 
Ich liebe sie. 

MIRKO 
Dann mußt du doch traurig sein. — Tut es dir denn 
nicht weh, wenn etwas vorbei ist ? Die Deichsel knarrt, 
die Pferde ziehn an, die Peitsche . . ! Und etwas ist doch 
vorbei . . . 

STANJA 
Nach Vergangenem ist mir niemals weh. 

MIRKO 
Oh, mir ist oftmals weh nach Vergangenem. Ich kann 
auf der Wiese liegen, lange, lange, und mich nach einem 
lustigen Rasenspiel zurücksehnen. 

STANJA 
Dafür bist du ja ein Mann. 

MIRKO 
Gefällt dir unser Haus und der Hof? 

STANJA 
Warum solFs mir nicht gefallen ? Haus, Stube, Kammer, 
Stallung, Hühnersteige, Schweinekoben, Taubenschlag 
wie überall. 

MIRKO 
Und gefair ich dir? 

STANJA 
Warum sollst du mir nicht gefallen ? 



MIRKO 
Weißt du, Stanjoschka, mir w'är's lieber gewesen, du 
hättest vorhin beim Abschied geweint. — Du! Wenn 
du schon einmal einen geliebt hast! Sag's! Hast du 
schon einen geliebt? 

STANJA 
Nein! 

MIRKO 

(langsam und mit geschlossenen Augen) 

Ich glaube, ich werde dich, wenn wir verheiratet sind, 

schlagen. 

STANJA 

So halten es die Hausväter überall. 

MIRKO 
Hast du die Wahrheit gesprochen ? 

STANJA 

Nein! 

MIRKO 

Ah ! Vor mir hast du einen geliebt, vor mir . . . 

STANJA 
Warum sollte ich ihn geliebt haben ? Einmal, ein ein- 
ziges Mal hab' ich von ihm in der Nacht geträumt. 
Eine Stunde lang im Haus war er zu Gaste gewesen. 
Barett und Schnürrock hat er getragen. Ein Studierter 

war's. 

MIRKO 
(ihre Hand fressend) 
Hat er mit dir gesprochen? Hast du ihn wiedergesehn ? 
Später von ihm noch geträumt? 

STANJA 
Nie wieder! 

2* 19 



MIRKO 
(läßt grob ihre Hand fahren) 
Ein Studierter?! Ho! Du willst mir zeigen, daß du 
eine Gescheite bist. 

STANJA 

(blitzend) 
Leicht kann ich dir das zeigen. 

MIRKO 
Sakrament ! 

STANJA 
Herumgeführt hast du mich in den Kammern und 
Stuben bis zum Dachboden hinauf. Wir haben be- 
sichtigt die Ställe der Rinder, Pferde, Schafe, die Wirt- 
schaftsräume, die Magazine, die Tennen, die Kelter, 
alles ! — Aber, ich habe Augen . . . 

MIRKO 

(will sie erregt umarmen) 
Augen, blaue, scharfe, böse, süße . . . 

STANJA 

(stößt ihn zurück) 
Schnell vorübergegangen bist du an dem Häuschen, 
dem viereckigen Stall aus rohen Ziegelsteinen, an jener 
rostigen Eisentüre. Hast nicht hingeschaut und mich 
weggedrängt. 

(Triumphierend) 
Was bedeutet der rauchende Schornstein auf dieser 
großen Hundehütte .f^ Für Tiere heizt man nicht. 
Menschlich ist der steigende Rauch . . . 
Augen hab' ich . . . ! ! 

20 



MIRKO 

(in hilfloser Verwirrung die Stirne streichend) 
Ich weiß es nicht, glaub' mir, Stanja, ich weiß es nicht. 
Schon als Kind war das der verbotene Ort der Furcht 
und des Wegschauens. Vater und Mutter durften nicht 
gefragt werden. — Anders liebe ich meinen Vater, als 
du den deinen. — So schwieg ich denn und ließ das auf 
meinem Vater ruhn, was ich nicht weiß. Was von 
Kind auf Gewohnheit war, es wurde mir nimmer Ge- 
danke. — Ah, und jetzt ! 

Zwanzig Jahre täglich gehe ich daran vorüber, dunkel 
immer klopft mir das Herz, aber ich denke nicht, 
niemals habe ich darüber nachgedacht. Und nun, in 
diesem Augenblick, nach all den vielen Jahren zum 
erstenmal — muß ich denken — 
Ja, wirklich ! Im Winter und Frühjahr wird dort geheizt ! 

(Von einem entlegenen Grauen gefacht) 
Aber du! Ich werde den Vater nicht fragen. 
Niemals werde ich fragen. 

STANJA 
Siehst du nun, wer der Gescheite ist? Zwanzig Jahre 
hast du nicht gedacht und gefragt. Aber das Weib 
kommt ins Haus und fragt in der ersten Stunde. 



SECHSTE SZENE 

Der Gosfodar Stevan tritt ein 

GOSPODAR 
Seid ihr immer noch im Haus, Kinder? — Macht euch 
davon ! Das Ende der Festzeit feiern sie im Flecken. 

21 



Die Leute mögen euch sehn. Es schickt sich, daß 
des Herren Sohn und Tochter den Tanz führen. 

(zu Mirko) 
Was ist dir? 

MIRKO 
Vater!? 

GOSPODAR 

Du bist nun dein eigen. Hier hast du Geld. Mach 
Staat mit der Braut und spendiere den Freunden. 

(Mirko zögert) 
Geht nur! 

(Ungeduldig) 
Geht! 

MIRKO UND STANJA 

(zur Türe) 

GOSPODAR 
Und ruft mir Babka ! 

DIE BEIDEN 

(ab) 

GOSPODAR 

nimmt hastig eine langläufige Flinte mit geschwungenem 
Kolben von der Wand und lädt sie. Dann steht er einige 
Augenblicke starr und hängt die Waffe wieder so eilig auf, 
als er sie herab genommen hat 

SIEBENTESZENE 

Babka tritt ein 

BABKA 
Friede dir. Gnädiger, Friede dir endHch ! 

22 



GOSPODAR 

(aus einer Abwesenheit erwachend,^ flbtzlich^ heiser) 
Seine Krankheit? 

BABKA 
Herr, es wird wieder gut. Gegessen, getrunken, 
geschlafen hat der Arme seit vielen Tagen das 
erstemal. 

GOSPODAR 
(die Fäuste hallend) 
Christus, warum hilfst du nicht? 

BABKA 

Wieder rast sein Aug' im Kreis, —an den Wänden hin— 

immerzu! 

GOSPODAR 

(jast schreiend) 

Auf zweien oder vieren, Babka ? 

BABKA 
(ruhig) 
Auf zweien und vieren ! 

GOSPODAR 
Tust du täglich deine Pflicht? 

BABKA 
Täglich in der Dämmerung zur Stunde der Abend- 
mahlzeit. 

GOSPODAR 

(sieht sie mit Grauen an) 
Du... 

BABKA 
Soll ich scheuen, was ich gesäugt habe, ihn, den wilden 
großen, der einst klein war mit seinem gierigen Mund . . . ? 

23 



GOSPODAR 
Er hat geschrien heute, — das zweitemal in seinem 
verfluchten Leben — ! 

BABKA 
Den Genesungsschrei geschrien mit dieser Stimme, 
die immer schweigt ... 

GOSPODAR 
Begrüßt er dich nie? 

BABKA 
Nein, aber er kennt Babka! 

GOSPODAR 
Hat jemand den Schrei gehört .f' 

BABKA 
Wohl haben sie gehört ... 

GOSPODAR 
Der S ... . 

BABKA 

(ihm von den Liffen lesend) 
So sagen manche. 

GOSPODAR 
Die Leute, hörst du, alle aus dem Haus ! Zum Kirch- 
tag, zum Reigentanz ! Sie mögen spät erst in der Nacht 
wiederkommen ! Hörst du ? 

BABKA 
Ich habe deinen Willen geahnt, Herr! Sie sind fort. 
Tu nichts Böses! 

GOSPODAR 

(zoinkt ihr, zu gehn) 

24 



BABKA 

(an der Türe) 
Tu nichts Böses! 

(Will gehn) 

GOSPODAR 
Babka! Hat er eines Menschen AntUtz? 

BABKA 
Das Anthtz eines Menschen, eines ahen Menschen, 
eines hundertjährigen Menschen, das weise und pfiffig 
ist, Gnädiger. 

GOSPODAR 
Gib mir den Schlüssel! 

BABKA 

Wozu das, mein Herr? Wende dich ab! Du wandelst 

im Glück! 

GOSPODAR 
Gib! 

BABKA 

(holt einen Schlüssel hervor, den sie ihm in die Hand gibt) 

GOSPODAR 
Du läßt ihn nicht rosten. 

BABKA 
Nun hast du den Schlüssel, mein Herr! 

(Ah) 

GOSPODAR 

(langsam, nach innen) 
O Schmach, o Schmach, o Schmerz, o Schmach ! ! 

Oh -oh -oh! 

25 



ACHTE SZENE 
Mirkos Mutter tritt ein 

MUTTER 
Das Gesinde ist weg. Es ist schrecklich. Wir sind allein. 

GOSPODAR 

(wild auf sie zu) 
Sag's, sag's endlich, das Geheimnis, das entsetzliche, 
das du mir verborgen hast und uns zur Strafe gebären 
mußtest. 

MUTTER 
Ich hatte vor dir kein Geheimnis als den Kummer, 
dich auf jeder Magd zu wissen, während ich schwanger 
war. 

GOSPODAR 
Verdrehst du wieder, Weibszunge? Nicht treulos war 
ich dir! 

MUTTER 
Mit der nackten Faust, Tapferer, trotzest du dem Stier. 
Mich aber, Feigling, lügst du an bis in den Tod. 

GOSPODAR 
Wortwenderin, Kluge! Wer hat dich mit ihm ge- 
schwängert? Nicht mein Kind ist er. Wohlgeboren bis 
ins zehnte Glied empor meine Sippe! 

MUTTER 
Versteir dich nicht, Weibstreiber ! Wie mußt du durch 
Abscheuliches deinen Samen verdorben haben, daß er 
mich so, so, so erniedrigt hat, denn gesund bin ich und 
als Gesunde hast du mich gefreit. 

26 



GOSPODAR 
Ich weiß vieles nicht von dir. 

MUTTER 
Ich weiß vieles nicht von dir. 

GOSPODAR 
Dies aber weiß ich : Ungetauft ist mein Erstgeborener. 

MUTTER 
Wer hat das Sakrament verhöhnt? Ich wollte es nicht, 
ich wollte es nicht. 

GOSPODAR 
Hast du den Mut gehabt, allen ein Abscheu zu sein ? 

MUTTER 
Nun wird uns der Ungetaufte, der Arme, mit sich in 
die Hölle reißen. 

GOSPODAR 
Nicht uns ! Dich, dich ! Aus deinem Leib ist mir die 
Schmach gewachsen. 

MUTTER 

(mit einem Schrei) 
Schweig — schweig — 

GOSPODAR 

(flehend) 
Weine nicht, weine nicht . . . Mutter . . . weine nicht . . . 

MUTTER 
Ein Kind nach der Nacht der Wehen, sieben Stunden 
alt, wenn der Morgen aufsteigt . . . o rosig, o milchsüß 

27 



liegt's da in seinem Korb und hat das Häubchen schon 
auf dem Flaumkopf ... 

Nein ! An jenem Morgen hast du nicht hingesehn, — 
und ich auch nicht. 

GOSPODAR 
Bin ich schuld? 

MUTTER 

(noch milder als er) 
Bin ich schuld? 

GOSPODAR 
Andere, wohlgebildete Kinder, die schon den Vater an- 
gelächelt haben, sterben, viele, viele! 
Er lebt und ist dreiundzwanzig alt geworden. Was 
will Gott damit? 

MUTTER 
Kannst du an etwas anderes denken? 

GOSPODAR 
Nein! Überallhin schleppe ich das Geheimnis, das 
Geheimnis mit. 

MUTTER 
Warum gehst du niemals zu ihm hinein? 

GOSPODAR 
Das fragst du, die Mutter, die Liebende? Warum hast 
niemals du anzusehen gewagt, was du doch liebst? 

MUTTER 
(bebefid) 
Weil ich liebe . . . 

KLOPFEN 

28 



NEUNTE SZENE 
Der Physikus tritt ein 

PHYSIKUS 
Einen guten Abend, Stevan Milic, einen guten Abend, 
liebe Hausfrau. Ich höre, es hat heute Verlobung hier 
im Haus gegeben. 
Mein untertänigster Glückwunsch ! 
Ja, Geld strömt zu Gelde wie Wasser zu Wasser. Und 
ich in meinem Wägelchen bin schon sechzig worden 
und hab' den zweiten Schimmel noch immer nicht. — 
Wie lang ist es her, Gospodar, daß ich bei euch zuletzt 
Visite gemacht habe ? 

GOSPODAR 
Ich weiß es auf den Tag, Meister Physikus, zwölf 
Jahre sind's. 

PHYSIKUS 
Du meine Güte. Früher kam ich öfters des Weges. — 
Alles in Ordnung bei euch? 

GOSPODAR 
Nach Gottes Ratschluß. 

PHYSIKUS 
Gott! Gott! Habt ihr's immer noch mit Gott? Ich 
für meinen Teil trage den Voltaire bei mir. Und euer 
— wie heißt er doch — Marko . . . Mirko? Ein kleiner 
Bursche war's. Nun — das läßt sich wohl denken, — 
ein strotzender Bräutigam! 

MUTTER 
Mit Gottes Hilfe, so ist es. 

29 



PHYSIKUS 
Und dann ... das andere . . . ? Das biologisch-anatomisch- 
morpho-physiologische Wunder . . . ? Verzeiht die herz- 
lose Ausdrucksweise der Wissenschaft. 

GOSPODAR 
Lebt. 

PHYSIKUS 
Auf diesem Hof.? Noch immer verborgen in dem 
kleinen Stall.? 

BEJAHENDES SCHWEIGEN 

PHYSIKUS 
(der mit großen Schritten auf und ah gegangen ist, bleibt 

dicht vor dem Gospodar stehn) 
Stevan Milic, Ihr seid ein Stammes- und Bauernherr, 
ein Edeling, und wenn das mit dem blauen Blut auch 
nur ein Schwindel ist, so seid Ihr Eurer Stellung doch 
ein wenig Fortgeschrittenheit schuldig. Ich weiß, ja ja, 
ich weiß, Ihr seid Glaubens, der Andere wäre in persona 
aus Euren Lenden gefahren, und Ihr müsset nun zeit- 
lebens die Schande Eurer Vaterschaft verstecken. 
Wozu macht Ihr denn ein mißlungenes Halbgeschöpf 
unglücklicher, als nötig? 

Und, kleiner Mensch, der du die Schöpfung nach deinem 
Ebenbilde missest und richtest, was nicht alles hältst 
du für mißglückt und ungeraten ! ? 
(Mit Ausdruck) 
Natur, die verspielte Träumerin, überall regieret sie 
und erfüllt mit heiligerer Freude als alle gegrifFelte 
Offenbarung den wissenden Geist! 
Hört, was ich Euch hier lehre : 

30 



Im Mutterleibe vom Keim zum Kind durchwandert 
unser Wesen alle Stationen des Pflanzen- und Tierreichs. 
Wir sind nacheinander und durcheinander Schachtel- 
halm, Lilie, Kerbtier, Reptil, Fisch, Vogel und Säuger. 
Ist das nicht natürlich ? 

Viele viele Hemmnisse muß das Kind überv^inden, um 
Kind zu werden. 
Ist das nicht natürlich? 

Nun, im Leibe der Eurigen hat das Kind nicht vermocht, 
all die Hemmnisse und Schlingen zu überwinden, 
die ihm die niedrigeren Reiche legen, — denn jede Form 
will einzig und unsterblich sein. Sie gleicht einem 
machthungrigen König, der Werber in alle Lande 
sendet, Soldaten zu dingen. So sind die Merkmale 
anderer Stufen haftengeblieben an diesem Geschöpf, 
das nicht zum Menschenleben taugt. 
Aber es lebt und taugt auch nicht zum Tod. 
Ist das nicht natürlich? 

GOSPODAR 
Es mag natürlich sein. 

PHYSIKUS 
(grob) 
Sehr natürlich ist es, zumal von hundert Kindern drei 
geboren werden, die ähnlich mißglücken als wie das 
Eure. — (Allerdings, soweit ich mich erinnere, schlägt 
dieser Fall etwas über die Schnur.) 
Aber wer will der Natur ihren Übermut verübeln? Das 
Universum, dieses blutjung-ewige Kind, das niemals 
erwachsen sein wird, spielt, spielt, spielt. 
Gott und Satan haben ihre Hand nicht in diesem Spiel. 

31 



MUTTER 
Könnt Ihr das wissen? 

PHYSIKUS 
Ihr Toren, Toren, Toren ! Da hegt ihr das Entsetzen 
im Haus. Ganz schwarz schon von Lüge, Ausrede, 
List und Hinterhalt seid ihr. 

Und so wenig braucht es, euch zu befreien. In der 
großen Stadt, dort jenseits des Stroms, gibt es Heim- 
stätten für verkrüppelte Menschen, für Mißgeburten 
dieser Art, wo solch unselige Kreatur, rein gehalten und 
betreut, sich ihres Zwielichtlebens freuen darf. Die 
Spinne freut sich, Otter und Echse freuen sich, warum 
soll ein Halbmensch sich nicht freuen.? 
Aber jetzt im Ernst. Gebt mir, manch liebes Mal habe 
ich mich schon angetragen, gebt mir den Balg. Ich 
bringe ihn in die Stadt, in jenes Haus. — Der Transport 
kommt euch nicht teuer zu stehn. Denn wenn die 
Wissenschaft gewinnt, schreibe ich gerne glimpfliche 
Rechnungen. ^ 

GOSPODAR 
Das geht nicht. Es würde ruchbar werden. 

MUTTER 
Ungesehn könnt Ihr ihn auch zur Nachtzeit nicht fort- 
bringen. 

PHYSIKUS 

Stimmt! Ich würde mich auch gar nicht bemühn, den 
Dingsda zu verstecken. 

MUTTER 

(schnell) 
Nie, nie lasse ich ihn fort. 

32 



GOSPODAR 
Sagt! Bei der Aufnahme in jenes Haus wird sein 
Name, der ja der meine ist, eingeschrieben, he?? 

PHYSIKUS 
So ist es, Stevan MiUc ! 

GOSPODAR 

Niemals! Nein! Nie! 

PHYSIKUS 
Oh ihr . . . (verschluckt das Schmähwort), warum nicht? 

GOSPODAR 
Herr! Wir schämen uns. 

PHYSIKUS 
Habt ihr die Welt erschaffen? 

GOSPODAR 
Ihr seid ein Junggeselle und Bücherfresser. Ihr könnt 
uns nicht verstehn. 

PHYSIKUS 
Euch ist nicht zu helfen. Nie und nimmer rede ich 
ein Wort mehr. Doch seid gewarnt ! Märchenlüstern 
ist das Volk ringsum. 

GOSPODAR 

Wohlbewahrt bleibt mein Geheimnis. 

PHYSIKUS 
Gut ! So gebt mir den Schlüssel zu seinem trübsinnigen 
Stall. Nicht wenig gelüstet es mich, zu sehn, wie das 
Wunder herangewachsen ist. 

3 Wer fei, Bocksgesang 33 



GOSPODAR 

(zögert) 

PHYSIKUS 
Gebt nur ruhig! Das wäre kein Naturforscher, der da 
vorbei könnte. Von früheren Jahren kenne ich den Ort 
genau. 

GOSPODAR 
(gibt ihm den Schlüssel) 
Nehmt Euch in acht vor ihm. 

PHYSIKUS 
Herr! Der Arzt ist ein Soldat. Mit diesen lächerUchen 
Knochen hier habe ich schon manchen Herkules von 
Tollwütigen gebändigt. Wartet auf mich ! 

(Ab) 

GOSPODAR 
Mutter, bring ein Licht! 

MUTTER 

(geht) 

PHYSIKUS 
(steckt den Kopf zur Türe hinein) 
Habt Ihr mir eigentlich den Schlüssel gegeben? 

GOSPODAR 
Ihr habt ihn genommen. 

PHYSIKUS 
(in seinen Taschen suchend) 
Daß doch ! — Mein Wachslicht, — mein Feuerzeug ! ? — 
Ah, da ist er ! Oh, ich werde alt. Ich werde alt. 

34 



GOSPODAR 
Nehmt Euch in acht, Meister! Es wird dunkel. 

PHYSIKUS 

(verschwindet) 



ZEHNTE SZENE 

Die Mutter bringt das Licht 
Schweigen^ darin 

GOSPODAR 
Wenn die Hochzeit vorbei ist, will ich mich aufmachen 
und auf den Berg Athos pilgern. 

MUTTER 

Und ich? 

GOSPODAR 
Ich behalte nichts. Mirko ist alt genug. Er soll, wenn 
ich zurückgekehrt bin, das ganze Wesen an sich nehmen 
und meine Würden dazu, der Erbe ! 

MUTTER 
Und wir? 

GOSPODAR 
Fliehen . . . 

MUTTER 

(mit boshaftem Gelächter) 
Mit ihm? 

GOSPODAR 
Vielleicht vermag ich, durch die Wallfahrt gestärkt, 
mit Mirko zu reden. Ich muß die Kraft finden, ihm 
alles zu sagen. 

3* 35 



MUTTER 
Mit guten Reden wirst du dem Sohn ein böses Haus 
vermachen. 

GOSPODAR 
Es ist wahr. Aber er muß es endlich wissen. Ich werde 
Heber zu den Mönchen von Hopowo wallen. 

MUTTER 
O Mann, feig wie immer! Dein Sohn, der noch glück- 
lich lebt, soll tragen, was du abwirfst? 

GOSPODAR 
Du hast recht. Ich werde schweigen. 

MUTTER 

(schnell) 
Und was, wenn wir sterben ? 

GOSPODAR 
Sprich's nicht aus! 

MUTTER 
Noch in dieser Stunde kann mir der Tod kommen. 

GOSPODAR 

(sie umklammernd) 
Nein, du meine Gefährtin ! Ich brauche dich um des 
Geheimen willen. 

MUTTER 
Und ich brauche dich um dieses Kindes willen, das 
dein Kind ist. Wenn du mir abstürbest, ich müßte 
wahnsinnig werden. 

GOSPODAR 
Wir sind keine Menschen mehr . . . 

36 



MUTTER 
Weil wir einander nicht um unsretwillen brauchen. 

GOSPODAR 
Kein Ausweg ! 

MUTTER 

Nein ! Wenn wir uns auch in dieser Stunde beide töten, 
nicht! Mirko, der Ahnungslose, am nächsten Tage 
muß er entdecken ! 

GOSPODAR 

(verzerrt) 
Ich werde reden noch diese Nacht! 

MUTTER 
Reden — Schweigen, Schweigen — Reden ? ! Was ist 
damit getan? Ich sehe Mirkos Gesicht! Ah! Und sie? 
Sie ist eine Gewitzte. Ich hasse sie schon. 

GOSPODAR 
Nicht einmal der Tod meine Zuflucht. 

(Leise zur Mutter hin) 
Verfluchte ! 



ELFTE SZENE 
Ein Bote tritt ein 

BOTE 

Im steinernen Haus sind die Alten versammelt zum 
Rat. Sie lassen den Gospodar fragen, ob sie noch 
warten sollen. 

37 



GOSPODAR 
Ein wenig noch mögen sie warten. Doch dauert es all- 
zulange, soll die Sitzung beginnen. Sag das dem Star- 
sina ! 

BOTE 

(ah) 

MUTTER 
Die Freude in deinem Aug', die Freude, daß du abends 
nicht im Haus sein mußt, nicht in seiner Nähe, nicht 
bei mir . . . 

GOSPODAR 
Ja, Freude, wohl Freude ! Ich atme, ich atme, weil ich 
nicht hier sein muß des Abends. 

MUTTER 

(wimmernd) 
Laß mich nicht allein, Vater, nimm mich mit dir, laß 
mich nicht allein im Haus ! 

GOSPODAR 

(steht einen Augeiiblick starr und ungeheuer konzentriert) 

MUTTER 
Ah, du hörst mich nicht . . . 

GOSPODAR 

(sehr kurz) 
Geh du jetzt! Der Doktor! Will mit ihm allein sein. 

MUTTER 

(langsam nach dem Hintergrund ab) 

38 



ZWÖLFTE SZENE 
Physikus kommt zurück 

PHYSIKUS 

(erschüttert) 
Da könnte man fast wieder an Gott glauben lernen. 
Ich Kaltblütiger bin in Schweiß geraten. 
(Er muß sich niedersetzen) 
Groß ist die Natur und klein die Phantasie. Milic, Ihr 
seid nicht zu beneiden. 

GOSPODAR 
Der Großsprecher hat Herzklopfen bekommen. 

PHYSIKUS 
Ihr habt ihn seit seiner Geburt nicht gesehn ? 

GOSPODAR 
Die Magd zog ihn auf. 

PHYSIKUS 
Nun! In den früheren Jahren, da war*s noch zu be- 
greifen. Aber jetzt ! ! 

Die Alten haben geglaubt, daß zur sonnigen Mittags- 
stunde etwas aus der angespannten Natur springen kann, 
gestaltlos und sichtbar, scheußlich und voller Herrlich- 
keit, jeglichen Wanderer tötend, den es anfällt, gleich- 
sam die in einen Augenblick zusammengepreßte Vi- 
sion des Ganzen, — versteht mich, oder versteht mich 
nicht — , aber etwas Ähnliches habe ich vorhin gesehn. 

GOSPODAR 
Habt Ihr jemals von meinem Unglück mit wem ge- 
sprochen, Herr.? 

39 



PHYSIKUS 
Nie ! Das versteht sich von selbst für den Arzt. 

GOSPODAR 

(mühsam) 
Ich habe mit Euch zu reden, Herr! 

PHYSIKUS 
Das kann ich mir denken. 

GOSPODAR 

(nach Atem ringend) 
Herr ! Er — er — muß fort. 

PHYSIKUS 
Das mein' ich auch. Und bedankt Euch bei mir! Hört! 
— Ihr stellt mir einen großen Wagen mit den besten 
Pferden zur Verfügung. Es ist eine sehr umständliche 
Geschichte, aber ich bringe das Wesen dahin, wohin 
es gehört. 

(kratzt sich unter der Perücke) 
Ob's aufgenommen wird allerdings? Nun, das ist meine 
Sache ... 

GOSPODAR 
So — will ich's nicht. 

PHYSIKUS 
Was wollt Ihr.? 

GOSPODAR 
Er muß anders fort! 

PHYSIKUS 
Anders .r' 

40 



GOSPODAR 
Ihr habt doch in Eurer Tasche etwas . . . etwas . . ., wo- 
von man den Kranken nicht viel geben darf . . . 

PHYSIKUS 
Gift?? 

GOSPODAR 
(erlöst) 
Gift! 

PHYSIKUS 
Und Ihr mutet mir zu, ich soll eine Kreatur, die ich 
nicht geschaffen habe, etwas, was da lebenssüchtig atmet, 
mir nichts, dir nichts kaltmachen ? Ein solch seltenes, 
mit Verlaub, Meisterspiel der Natur noch dazu? 

GOSPODAR 

(flötzlich in der Stellung eines demütig- dummen Bauern) 
Ja! Ja! Tut das! 

PHYSIKUS 
Herr, ich bin Mediziner. Ich gebe vor, das Leben zu 
verlängern. 

GOSPODAR 
Gift — in — seine — Suppe — ! 

PHYSIKUS 
Ich begreife Euch. Mehr könnt Ihr von mir nicht ver- 
langen. — 

Aber wir Ärzte haben auch unsern Aberglauben und 
bekennen uns zu manchem Artikel Mohammeds. Ich 
vermute nämlich, unsereins wird in der Haut all jener 
Patienten wiedergeboren, die er vom Leben zum Tode 
befördert hat. Ssalam Aleikum ! 

(Ah) 

41 



GOSPODAR 

(schreit) 
Mutter! — Mutter! 



DREIZEHNTE SZENE 

MUTTER 

(tritt schnell auf) 

GOSPODAR 
Pult! Buch! 

MUTTER 

(rückt das Pult mit dem Heiligenkalender zum Licht) 

GOSPODAR 

(blättert mit rasenden Händen) 
Abraham, Isaak, Abraham, Isaak . . . 

MUTTER 

(stürzt aufschreiend hin, das Pult fällt um) 
Nein! Jungfrau! Nein! Nicht das! Nicht das! 

GOSPODAR 
Doch! Das! Das! Das! 

(Wollüstig) 
Und du wirst's Licht halten! 

MUTTER 
. . . Aj — Ich habe ihn getragen und wußte nichts — Aj . . . 

GOSPODAR 
Ich will mein Haus vermachen. Es muß geschehen 
für Mirko, für seine Zukunft und Kinder. Freier Weg 
vor Mirko! 

42 



MUTTER 
Nicht Mirko . . . 

(Aufstrahlend) 

Ihn — ihn — ihn liebe ich. 

GOSPODAR 

Still! 

MUTTER 

Nie gesehn . . . 

GOSPODAR 
Jetzt wirst ihn sehn. 

MUTTER 

(starr, langsam) 
Ungeliebt . . . 

GOSPODAR 
(packt die Flinte von der Wand) 
Die Lampe nimm! 

MUTTER 
(freudig in die Ferne erkennend) 
Sein Herzchen ... ein Menschenherz. 

GOSPODAR 
(stampft) 
Schweig ! 

MUTTER 
Sein Blut . . . mein Blut . . . 

GOSPODAR 
Von mir kommt's. Und darum fort . . . 

MUTTER 

(zärtlich — zärtlich) 
Mein ~ Mein ! Und darum . . . 



43 



GOSPODAR 
Auf! 

BABKA 

(steht plötzlich im Schatten) 

GOSPODAR 
Nicht du ! Babka, nimm's Licht ! 

BABKA 

(ruhig) 
Hab' ihn genährt, doch gehorch' ich dem Herrn. 

(Hält die Lampe hoch) 

GOSPODAR 

(an der Türe) 
Herr des Lebens ! Ich weiß nicht, was dein Leben ist, 
aber ich bin darin. 

(Ah mit Babka) 

MUTTER IN DER FINSTERNIS 
Nichts. — Kein Andenken. — Nie gesehn. 
Nichts. — Kein Überrest. — War in mir. 
Jetzt, jetzt, — sein Herz — in meinem schlägt — 

(Sie horcht, sie horcht) 
(Erwachend) 
Der Schuß! Warum noch kein Schuß.? 

Maria! 

(Sie schlägt hin) 

LETZTE SZENE 

Draußen schnelle Schritte 

GOSPODAR 

(wankend am Pfosten) 

44 



BABKA 

(mit der Lamfe hinter ihm) 

GOSPODAR 
Der Schlüssel, der Schlüssel! Der Alte hat nicht 
abgesperrt . . . 

Er ist fort, ausgebrochen, entsprungen. 
Ah, ah! 

(Er schüttelt die Ohnmächtige) 
Mutter! Hörst du? Er ist ausgebrochen. 



Der Vorhang fällt 



45 



ZWEITER AKT 



Beratungsstube. Niedriger Raum. Im Hintergrunde über 
die ga?ize Bühnenbreite ein langer Tisch mit dazugehöriger 
Bank dahinter. Rechts kleiner Irisch für den Vorsteher und 

Schreiber. Links Ofeji mit Ofenbank 
Die zehn Alten sind schon versammelt. Sie sitzest teils 
auf der langen Bank vor ihren Krügen, teils gehn sie im 
G es f räch auf und ab oder wechseln die Plätze. Der Star- 
sina sitzt an dem kleinen Tische und sieht dem Schreiber 

zu, der die Feder schneidet 
Der Alte von Kr asnokr aj und der von Modrygor im 

Gespräch auf der Ofenbank 

Über dem Tische des Vorstehers hängt ein Öllämfchen als 

einz ige Beleuch tu ng 

ERSTE SZENE 

DER STARSINA 

(klopft auf den Tisch) 
Wird noch gewartet? 

MEHRERE STIMMEN 

(vom langen Tische her) 
Die Glocke in der Linde hat noch nicht geläutet. 

DIE GESPRÄCHE 

(gehn weiter) 

DER ALTE VON KRASNOKRAJ 
Erinnert ihr euch einer Tagung, da er uns nicht hat 
warten lassen? 

4 Werfel , Bocksgesang 49 



DER ALTE VON MODRYGOR 
Es sind meist nicht glückliche Dinge, die uns Männer 
im Haus zurückhalten. 

KRASNOKRAJ 
Er!? — Alles geht ihm nach Wunsch. Heute hat er 
sich dem Mächtigen von Kouzelni vrh verschwägert. 

MODRYGOR 
Doch die Braut soll eine Störrische sein. 

KRASNOKRAJ 
Aus dem Lande der Magyaren wurden ihm Zucht- 
tiere geschenkt. Sein Vieh ist prächtiger als das unsere. 

MODRYGOR 
Doch leidet es mehr an Trichinen und Klauenseuche. 

KRASNOKRAJ 
Abgeforstet hat er und seine langen Flöße unsern Fluß 
abwärts zur Donau gesandt. 

MODRYGOR 
Doch ist ihm der Kaufherr des Nordens das Geld 
schuldig geblieben. 

KRASNOKRAJ 
Ja, es ist wahr. Immer gibt's da ein „Doch" für ihn. 
Was seine rechte Hand gewinnt, kann die linke nicht 
halten. Ein Unsegen stets im Spiel! 

MODRYGOR 
Zu wenig Herr dünkt er mich. Und gar sehr könnte 
er Herr sein, denn er ist guten Geistes. 

50 



KRASNOKRAJ 
Der Blick ist es, sag' ich euch. Da Hegt die Unordnung. 
Immer versteckt er was. Der Hund verscharrt den 
gestohlenen Knochen. Er hat wo einen unredlichen 
Schatz vergraben. 

MODRYGOR 
Unsteter Blick - Häusliches Mißgeschick. 

KRASNOKRAJ 
Uns auch kommt's nicht zugute. In den letzten Jahren 
all die Plage mit den Landlosen und Heimgekehrten. 
Dicht aufs Aas setzen sich die Fliegen. 

MODRYGOR 
Es wird darüber geraten werden heut. 

KRASNOKRAJ 
Man kann nicht mehr ungeschoren über Land gehn. 
Aus dem Getreide, hinter einem Baumschatten hervor, 
aus dem Graben heraus — plötzlich ist solch ein Gesicht 
da, das man nicht kennt, mit seinen bittenden und frech- 
hungrigen Augen ! Äh ! Den Ehrsamen schaudert's vor 
all den schattenhaften Tänzern. 

MODRYGOR 
Der Aga ist schläfrig geworden. So wuchsen wir groß, 
die wir ehedem klein und elend waren. Aber auch die 
Kinder derer, die seine Rache fürchten mußten, die 
Flüchtigen und Verjagten riechen den grünen Geruch 
in unserer Luft. Sie haben ein Anrecht auf sie. 

KRASNOKRAJ 
Geht's gegen den Propheten, so geht es gegen uns, die 
Wohlhabenden, nicht minder. — Stevan Milic hat eine 
allzu weiche Faust. 

4* 51 



MODRYGOR 
Sorge genug plagt ihn im eigenen Dwor. Die Leute, 
sagt man, sollen sich bei ihm nicht halten. 

DER ALTE VON MEDEGYA 

(zu den beiden tretend) 
Habt ihr die denkwürdigen Dinge gehört, die der Ge- 
vatter von Pozar erzählt ? In dem Dorf dort geht ein 
Begrabener um, der des Nachts der Lebendigen Blut 
saugt. Man sieht auf der Brust der Angefallenen am 
Morgen nur einen kleinen Fleck, nicht größer als ein 
Liebesmal. 

Vom Kaiser ist eine Kommission entsandt v^orden. Der 
Leichnam vv^urde mit dem Weißdorn einmal schon ge- 
pfählt. Rotes frisches Blut sprang aus dem Herzen, die 
Augen funkelten und der Leib stank nicht. 

KRASNOKRAJ 
Ja! Die Hexen und Vampire vermehren sich. Aus dem 
Gebirg von Woljo ist der Werw^olf . . . 

(Ferne Glocke schlägt) 

STARSINA 
(klo-pft dreimal) 
Die Beratung fängt an. 

(Alle nehmen ihre Plätze ein) 

STARSINA 
Schreiber, verlies die Ordnung! 

SCHREIBER 
(lesend) 
Zur Verhandlung heutigen Abends steht ad punctum 
primum et ultimum : 

52 



Die Sache der Landlosen, der Heimgekehrten und 
Vaganten, ob sie verwiesen werden sollen, angesiedelt, 
oder welche Amtswaltung immer an ihnen vorzu- 
nehmen sei. Ferner der Empfang dreier Menschen, 
die sie aus ihrer Mitte zu Sprechern gewählt haben 
und die da sind: Der Amerikaner, der seinen Vaters- 
namen nicht nennt, Teiterlik, ein Springer und Seil- 
tänzer, zuletzt der Jude Reb Feiwel, hier gebürtig. — 
Selbige drei Personen stehn vor der Türe. 
Zum Schluß ist vorgesehn Abstimmung und Entscheid 

in genannter Sache. 

(Setzt sich) 

STARSINA 
Hat Einer wider die Ordnung zu reden? 

Schweigen 



TjUV Ordnung? 



STARSINA 

Schweigeii 



STARSINA 
Unsicher, ihr Alten wißt das, ist es seit Jahr und Tag 
auf den Straßen, Saumpfaden und Wegen, die von Ort- 
schaft zu Ortschaft führen. Wenn der Flurhüter am 
Morgen durchs Feld geht, so geschieht es nicht selten, 
daß er abseits vom Rain einen erschlagenen Mann 
findet. Der Fuchs ist es nicht, der all die Hühner stiehlt, 
und nicht der Geier entführt so viele Lämmer aus guter 
Umfriedung. — Wir kennen die Schuldigen wohl. — 
Die Gnade und Weisheit des Bassa hat ehrwürdig wohl- 
blütige Männer unseres Stammes zu Gubernaduren 

53 



eingesetzt, und der Bauer entrichtet nicht mehr dem 
Turban, sondern dem christlichen Grundherrn seine 
Terze. Wir kennen die Einschleicher wohl, die das Ohr 
des Werkmanns vergiften. Um uns das Wohlwollen 
nicht zu verscherzen, laßt uns weise beschließen ! 
Und jetzt schlage ich vor, die Männer, die vor der 
Türe stehn, anzuhören. 

ALLE ALTEN 

(heben die Hand) 



Laß sie herein! 



STARSINA 

SCHREIBER 

(ab) 



ZWEITE SZENE 

Der Amerikaner , 1^ eiterlik^ Feiwel treten ein 

SCHREIBER 

(nimmt seinen Platz wieder ein) 

DER AMERIKANER 

(über und über blatternarbige in verschlissener Farmertracht 
mit langer Lederhose und Sombrero) 

TEITERLIK 

(aufgedrehte Clownslocke auf dem sonst nackten Schädel, zer- 
fressene Stupsnase, den ausgezehrten Leib im Artistentrikot 
mit einem roten, einem gelben Bein) 



FEIWEL 

(breitbärtig, rotbackig, mit Kaftan und Fellmütze) 



54 



DIE DREI 

(verbeugen sich vor den Jischen des Starnna und der Alten, der 
Amerikaner leicht, der Seiltänzer und der Jude bis zur Erde) 

STARSINA 
Zuerst redet der Narr. 

TEITERLIK 

(macht einige erzwungene und gealterte Pirouettschritte) 
Ihr Hochverehrten, Erlauchten und Erbgesessenen! 
Groß ist die Welt und klein das Herz, dieses Mühlchen 
von Fleisch, das , immer mahlt und mahlt und dem 
nicht ausgeht das Korn der Erv^artung. 

FEIWEL 
(boshaft) 
He -he! He - he! 

TEITERLIK 
Viele Städte gibt es. Da ist dieses London, und die 
Themse fließt hindurch, der Fluß, von dem die Nebel 
kommen und darin die Verbrecher und Ketzer von Staats 
wegen ertränkt werden. Dann gibt es das Wien mit 
seinem Prater. Da fährt der Kaiser im goldenen Wagen 
und zehntausend Reiter folgen ihm. Und gar Neapel, 
früher auch Babylon genannt, welches wieder eine 
andere Stadt ist als Lissabon. In diesem Neapel steht 
der Berg Vesuvio, der Schornstein der Hölle . . . 

FEIWEL 
Oi — der Dummkopf! Ich hab' gelesen in der Zeitung 
von dem Berg. 

SS 



AMERIKANER 

(fufft Tßiterlik) 
Pshaw! Salzwasser hast du nicht geschluckt, darum 
geht dir das Maul so geschmiert. 

STARSINA 
Der Schnurrpfeifer redet! 

TEITERLIK 
Ihr Erbgesessenen ! In all den Städten bin ich gewesen 
und in tausend Städten, Märkten und Dörfern mehr, 
guten und bösen. Immer wieder haben wir haltge- 
macht, ob ich nun Meister oder Geselle war bei den 
Truppen, immer wieder vor den letzten Häusern des 
Ortes, wo der Anger grau und räudig ist wie das Fell 
der alten Hunde. Am Sonntag, wenn die Abendröte 
kam, regnete es Münzen auf den Teller, wochentags 
aber legten wir oft uns ohne Bissen nieder. — Wohl 
war ich später nicht mehr allein und fand die Meinige, 
aber bei unserer Arbeit darf man sich nur wenig der 
Weiber freuen; das schwächt die spielenden Gelenke 
und das Auge sieht dann zwei- und dreifach das aus- 
gespannte Seil. Viele Genossen sterben so, weil sie nicht 
widerstehn können. 

AMERIKANER 
Kürzer, Mann! 

TEITEERLIK 
In der Jugend, wie schön ist das alles! Man springt 
früh aus dem Laub, daß die Knochen knacken, und 
schmeißt einen Stein in die Sonne. 
Aber da auf einmal, ihr Erbgesessenen, ist dieses Weh 

56 



da, dieses schreckliche ! Der nicht mehr geschmeidige 
Mensch fühlt die Schmach der grinsenden Verbeu- 
gungen, und daß er an keinem christlichen Tisch sitzen 
darf. In der Nacht verbeißen sich die Hustenwölfe in 
den armen Rücken, und klopfst du an das Hospital der 
Stadt, für dich ist kein Einlaß. 

Ja, das Weh war da und ließ nicht los. Und ich dachte 
an meine Eltern und daß sie an dieser Stelle ihr Feld 
bebauten, und ich erinnerte mich des Torsteins, auf dem 
ich, ein Kind, gesessen war hier im Land. 
Ein Stück Land, ei ja, das ist wie Schlaf für die 
Müdigkeit. 

Müd bin ich, und die mit mir sind müde. Ihr Erbge- 
sessenen, ihr seid reich, viel Grund und Boden, unge- 
nützten, laßt ihr verwachsen. Gebt uns, den wieder- 
gekehrten Kindern, gebt uns vom Überfluß . . . 

(Leise) 

Müde sind wir. 

FEIWEL 

(sehr laut, auf den Starsina zu) 
Ich bin der Jud Feiwel. Ich mein', ihr wißt das. Wer 
kennt mich nicht? 

AMERIKANER 

(stößt ihn weg) 
Keiner hat dich zu reden geheißen. 

FEIWEL 
Und wer hat dich geheißen zu reden ? 

STARSINA 
Der Jud kommt zuletzt. 

57 



FEIWEL 

(schnell, überlegen-ironische Geste mit Mund und Hand) 
Weiß ich schon! 

AMERIKANER 
Mesch'schurs und Senores ! Amerika ist ein wunderbares 
Land, es heißt die Neue Welt und die Männer dort 
reden wenig. Ich will darum auch nicht viel, aber das 
Richtige reden. 

Ich kam über das große Wasser, da war ein Krieg 
zwischen den neuen Männern und den alten Eng- 
ländern. Die neuen Männer — ich schlug mich auf 
ihre Seite — haben gesiegt. Und das ist gut so. — Ihr 
Land ist ungeheuer groß. Die Indsmen, tapfer aus- 
dauernde Krieger, sind am Feuerwasser hinfällig ge- 
worden. Aber die neuen Männer kommen nicht von 
dort, sondern aus der ganzen Welt treffen sie sich, an 
den Küsten und im Innern zu leben. 
Sie sind frei und gehorchen keinem. Nachts klopft der 
Fremdling an das Blockhaus, und der Hausherr fragt 
nicht: „Wer, woher, wohin?", sondern rückt ihm den 
Stuhl ans Feuer und sie rauchen die mächtige Zigarre, 
diese selbständigen Seelen. — Keiner gilt dem anderen 
weniger, und der Sohn des Gehenkten und die Tochter 
der Hure hat nicht zu leiden. Obere und Untere, Erb- 
gesessene und Landlose kennen sie nicht. Die Regierung, 
aus vollen Händen, jedem teilt sie Land zu, und sie 
bauen Weizen, fällen Bäume, weiden das Rind, werden 
reich, und keiner ist erniedrigt. Zehent, Terze und 
Schilling kennen sie nicht, unbeschnitten bleibt der 
Ertrag. 
Ich war einer der ihren und es ging mir gut. 

58 



Da kam auch über mich dieses böse und verdammte 
Heimweh, — und nun bin ich hierhergesegelt und 
schäme mich, meinen Vatersnamen zu nennen. Unter 
den Elenden, der ich reich war, lagere ich, ein Elender, 
mit dem Haß im Herzen. Dies verkünde ich euch, 
damit ihr es haltet wie die Amerikaner, ablasset von 
Geiz und jedem eurer Landsleute vom Brachland gebet, 
daß ein neues Geschlecht hier entstehe, ein wohler- 
fahrenes, und keiner im Elend sei! 
Wir, die wir nicht zu essen und zu schlafen finden, 
haben ein Recht an euch, ihr Bauern ! Hütet euch vor 
Haß! 

GEMURMEL DER ALTEN 
Wer hat uns hier zu drohen? 

AMERIKANER 
Ich ! Der ich mich weithin umgetan habe und besser 
die Welt kenne als ihr Hintersassen! Verstündet ihr 
etwas von Geschäften, ihr ließet euch die neuen Ab- 
gaben nicht entgehn. 

TEITERLIK 
Seht unsre Müdigkeit! Nur ein Tagwerk Ackers und 
Platz für die Chaluppe den Elenden ! 

FEIWEL 

(vor den Tisch tretend^ fuchtelt die Frage) 
Ich??? 

STARSINA 
(verächtlich) 
Jud! 

FEIWEL 

{nach allen Seiten hin mit den Händen Ruhe fordernd) 
Pst jetzt ! 

59 



Bin ich die wichtige Person, die ich bin? 
Gehör' ich zu den Landstreichern hier, zu denen ich 
gehör' ? 

Wer bringt für die Weiber Nähnadeln^ Zwirn, Garn, 
Wolle, Knöpfe, Kattun, Kopftücher, HaubenstofFe? 
Wer besorgt das Spielzeug für die Kinder, fürs Haus 
die Artikel und für die Küchen, Dochtlichter und 
Schmirgelpapier? Wer schaff t euch Fensterkitt, Mause- 
fallen, Armbänder, Pfeifenköpfe ? Wer kommt für euch 
in der Welt herum ? Wer steht und geht sich euch zu- 
liebe das Leben aus dem Leib? Wer bringt die 
Nachrichten und Neuigkeiten? Ohne mich wüßtet 
ihr nicht, daß sie in Frankreich den König verjagt 
haben und dort der Meschiach kommen wird! 
Die Türken sind gute Leute. Bei ihnen dürfen die 
Juden wohnen. Da können sie Erev Schabbos nach 
Hause kommen und die Lichter sind ihnen angezündet. 
Und ihr ! Geboren bin ich hier, wie mein Vater selig 
hier geboren war. Aber meine Enkel noch werden 
hausen müssen unter den Galgenvögeln. 
So seid ihr! Ihr! Ihr! 



DRITTE SZENE 

Der Gospodar Milic tritt schnell ein. Er trägt die Flinte 

in der Hand 
Die Alten erheben sich und der Star^sina verläßt seinen Platz 

FEIWEL 

(resigniert) 
Darf ein Jud nur zwei Worte reden ? 

60 



GOSPODAR 

(den Platz des Starsina einnehmend) 
Schreiber ! Einen Reiter schick' dem Physikus aus der 
Stadt nach, der seinen Wagen einholen soll. Ich lasse 
den Meister zurückbitten. 

SCHREIBER 

(ab) 

GOSPODAR 

(starrt lange in die Luft) 

KOPFSCHÜTTELN UND GEMURMEL DER ALTEN 
Was ist mit ihm ? 

GOSPODAR 

(zu den drei Abgesandten) 
Ihr? 

TEITERLIK 

(mit gekreuzten Armen tief sich beugend) 
Land, Erlauchter, ein Stück Landes vom Überfluß, uns, 
den Elenden, den Heimgekehrten ! Die Stunde ist ge- 
kommen, seßhaft und ein Mensch zu werden ! 

AMERIKANER 

(grob)^ 

Reicher Mann! Gebt vom Ödland den Bettlern ihr 

Teil. Windfeste Leute sind's. Das ist keine Wohltat, 

sondern Spekulation. 

GOSPODAR 
Wieviel Seelen seid ihr.? 

FEIWEL 
Exzellenz! Ich hab' die Berechnung! In runder Summe 
vierhundert: Mann, Weib, Kind, Jud, Zigeuner und 
Christ! 

6i 



GOSPODAR 
Was sagen die Alten ? 

DER ALTE VON KRASNOKRAJ 
Niemals Grund und Boden der Ehrlosen ! 

DER ALTE VON MODRYGOR 
Es ist zu erwägen. 

GOSPODAR 

(in besinnungslosem Wutaushruch) 
Nichts ist zu erwägen ! ! 

(Er dringt zitternd auf die drei ein, die zurückweichen) 
Ihr Verfluchten ! 

Habt ihr des Menschen Antlitz? 
Nein, nicht des Menschen Antlitz ! 
Ha! Narben, Nase, Zahnluck, Glotzaug, Fuchsbart! 
Das Antlitz des hundertjährigen, pfiffigen, böckischen 
AfFen, sein Gesicht, das Gesicht, das verborgen bleiben 
soll!! 

Da, da ist es ausgebrochen ! 

Die Vorfahren bedeckten ihr Sündengeheimnis, aber 
nun ist es mit Tüchern nicht mehr zu erdrosseln und 
offenbar wird's. 

Oh ihr Söhne der Blutschande, unter uns wollt ihr 
wohnen, denen das Land gehört, die es bebauen und 
betreuen .? Unter uns Lichten, uns Lichten ? Bei Tag, 
bei Nacht soll sich die Fratze in Kirche und Schenke 
umtun ? 

Auf zweien und vieren zwischen uns Aufrechten wollt 
ihr schreiten? 
Weg, weg! Fort, fort! 

62 



DER ALTE VON KRASNOKRAJ 
Nicht alles verstehe ich, was da der Gospodar spricht. 
Aber eines wohl ist wahr. Bauern seid ihr nicht und 
werdet es nimmer werden, denn zum Bauen taugt ihr 
keiner, die ihr träge seid und nur in den Werken des 
Lungerns erfahren. 

Nicht Zucht und Stund' habt ihr im Leib, nur ein eitles 
und böses Gelüste, uns, die Herren, zu schädigen ! 

DER ALTE VON MODRYGOR 
Seid nicht voreilig! 

TEITERLIK 
Harte Worte ! Viel habe ich gearbeitet und mit Gefahr 
des Lebens, die Schaulust zu ergötzen. Keiner von euch 
Graubärten hat sich so hoch gewagt wie ich, und säße 
ein König hier. 

AMERIKANER 
Sir! Drüben war ich einer euresgleichen! Wer dort 
einen Biedermann beschimpft, ist schnell kalt ! 

DER SCHREIBER 

(kommt zurück) 

FEIWEL 

(heftig auf die Alten einredend) 
Seht ihr's nicht? Milic ist betrunken! 

GOSPODAR 

(mit mächtiger Stimme) 
Fort! Noch morgen fort aus unserem Bezirk! Kein 
Landloser zeige sich mehr am dritten Tag im Umkreis ! 
Zehn Koppeln von Kettenhunden auf sie! An den 
Baum mit jedem, der nicht gehorcht! 

63 



EINIGE STIMMEN 
Wir sind auch noch hier! Dies ist nicht beschlossen. 

GOSPODAR 
Befohlen ist es ! Schreiber, schreib die Verfügung ! 
Wer erhebt sich? Wer muckt auf? Noch bin ich — 
ich! 

Noch bin ich nicht überführt! 
Den Befehl schreib ! 

AMERIKANER 
Mann! Solch ein Befehl steht nur dem Pascha des 
Kaimakamlüks zu. 
Wohin mit den Armen? 

GOSPODAR 
In die Bergwerke, in die Häfen, in die Fremde ! 
— Nur, daß ich wieder frei bin! 

(Langsam) 
Oh ihr Verstoßenen, die ihr auf keinem Eigen sitzt, 
wißt ihr denn, wie glücklich ihr seid ! 

(Außer sich schwingt er die Büchse gegen die drei) 
Fort mit euch ! 

DIE ALTEN 

(nähern sich erregt dem Rasenden) 

LETZTE SZENE 

Babka mit einer Laterne in der Türe 



Wo? 
64 



GOSPODAR 

(ihr entgegenschreiend) 



Nirgends. 

Eine Spur? 

Keine ! 

Rede! 

Gesucht! Nichts! 

Ein Schrei? 
Keiner ! 



BABKA 
GOSPODAR 

BABKA 
GOSPODAR 

BABKA 

GOSPODAR 
BABKA 



GOSPODAR 

Wo weht der Wind her ? 



BABKA 



Vom untern Wirt ! 



GOSPODAR 
Gevattern ! Die Sitzung ist aufgehoben. Ich muß jagen 
gehn ! 

(Reißt Babka die Laterne aus der Hand und läuft ab) 

DIE ALTEN 

(aufgescheucht durcheinander) 
Er ist wahnsinnig geworden. 

Der Vorhang fällt 



5 We r f e 1 , Bocksg-esang 



65 



DRITTER AKT 



Ein gänzlich her ab gekommener Wirtsgarten. Links eine 
Scheune, die als Schank- und Wohnhaus dient. Rechts vorn 
ein Tisch mit Bänken ringsum, weiter hinten ein zweiter, 
ganz zermorschter Tisch ohne Bank. Im weiten, von Baum- 
und Strauchwerk verdeckten Hintergründe der starke Ab- 
schein von Lagerfeuern und viele hin und her gehende Sil- 
houetten. Entfernte dünne Musik und das Stampfen auf 
dem Tanzboden 

Vollmondnacht 



ERSTE SZENE 

Im Vordergrund, umgeben von einer Schar Lauschern und 
Kinder, darunter auch die fünfzehnfähr ige Kruna, steht 

'der wei ßb artige Bogoboj 
An dem Tische vorne, allein, sitzt ^ uv an, der Student 

DER WEISSBÄRTIGE BOGOBOJ 

(mit geschlossenen Augen, in Trance) 
In diesen hellen Nächten ziehen sie über den Rücken 
der Berge und lagern auf den Kuppen, Graten und 
Platten. Ihre Knechte, Hirten, SchafFer, Melkmädchen 
sind mit ihnen und warten die Herden. Das Dienst- 
volk aber ist nicht unsterblich wie sie. Es wird nur 
tausend Jahre alt. Die Tiere sind Geißen zumeist und 
Böcke ; wie die auch klettern und springen, keines ver- 
irrt sich zu Menschen je. 

69 



KRUNA 
Warum gerade haben sie Ziegen, Vater ? 

BOGOBOJ 
Sie leben von Ziegenmilch. Was sie aber zur Rastzeit 
in ihren großen Kesseln bereiten, wenn die Bergfeuer 
flammen, das bleibt ein Geheimnis. 

KRUNA 
Werden sie wiederkommen ? 

BOGOBOJ 
Oh ! Oh ! Es zittert ihnen das Herz schon vor Wieder- 
kunft ! Sie umarmen die großen Bäume in ungeheuerer 
Lust und sie lauschen dem Blutlauf des Harzes. Sie 
küssen die starken Blumen der Höhe und fühlen bitter- 
süß auf ihren Lippen den Geschmack der eigenen 
Ewigkeit. — Mit liebzitternder Hand streicheln sie das 
Fell der heiligen ungebärdigen Tiere ; die Böcke mek- 
kern auf und sie erwidern aus der Tiefe ihrer Seele den 
Sang. 

(Rhythmisch den Kopf wiegend) 
Ich höre im Winde den Bocksgesang. 

KRUNA 
Und die Menschen? 

BOGOBOJ 
Einige von ihnen sind zu den Menschen gestiegen und 
haben sie umarmt. So sind ihnen Vorposten da, Kinder, 
an manchem Ort. 
Und Augen gibt es, darin brennt ihr Same, der Diamant. 

(Zu Juvan hin) 
Höre, Sohn der Zauberin! 

70 



KRUNA 
Und haben sie Sendboten? 

BOGOBOJ 
Die Teufel, die ihnen Untertan sind. 

("Lu Juvan) 
Höre, Sohn der Zauberin! 

JUVAN 
(wild auf den Tisch schlageiid) 
Nenn' mich nicht so, alter Fasler! 
Die Hebamme war meine Mutter. Nicht einmal das 
Geld für ihren Sarg konnte sie herzaubern. 

BOGOBOJ 
Und dein Vater, Ungläubiger ? 

JUVAN 
Den Vater kenne ich nicht. Du weißt es. 

BOGOBOJ 
Wohl kennst du den Vater nicht, Sohn der Zauberin ! 

JUVAN 
Willst du endlich schweigen, selbst Oberster der Ziegen- 
böcke ! Du Verrückter du ! 

KRUNA 
Kränke diesen Alten nicht. Sieh ! Er ist ein Prophet ! 

JUVAN 
Ein guter Schwätzer ist er. 

BOGOBOJ 
Nicht kannst du mich kränken, Student! 
Ich allein kenne deine Sendung. 

71 



JUVAN 
(abgerissen in sich hinein) 
Sendung ? — Ich in der großen fremdredenden Stadt der 
Letzte ! Schlafstätte auf den Bänken ! Winter ! Vorüber 
schweben die Frauen ! Mögen sie in ihrem Rauschen 
verrecken ! — Zum Ofen sich setzen im Hörsaal, nei- 
disch um den nächsten Platz, nichts hören vor Hunger 
und Erschöpfung. — Hervor die Backenknochen sprin- 
gen. Für einen Gulden im Monat den schlaffen Kin- 
dern der Reichen Latein eintrichtern . . . 

Nein ! Das v^ar nicht alles ! Sie haben mich kennen- 
gelernt! 

Und jetzt bin ich hier. Unter euch. Unter euch. 

BOGOBOJ 
Wohlbedacht ist es, daß du hier bist. 

KRUNA 
So einen wie dich haben sie dereinst erwählt. 

EINE GANZ ALTE 
„Und Purpurpantoffel trug Kraljevic." 

EIN ALTER 
Du junger Mensch, du Schreiber und Leser, bist der 
Mann, uns zu helfen. 

KRUNA 
(näher an den Tisch tretend) 
Warum denn bleibst du bei uns? 

JUVAN 

(nach einer Pause) 

Weil ich die anderen hasse und ihr mir gleichgültig 

72 



seid. Ich hasse sie ! Und ihr seid mir Luft. Vielleicht 
hass' ich euch auch. 

KRUNA 
Immer sitzest du abseits ! 

JUVAN 
Gut für dich. Ich bin ein Spielverderber. 

KRUNA 
Viel Freuden hast du nicht! 

JUVAN 

(langsam^ einfach) 

Wahrhaftig! Es ist möglich, daß ich im Leben nur 

eine Freude gehabt habe, als ich einmal einen großen 

Wald brennen sah . . . 

BOGOBOJ 

(leise) 
Ihr Waltenden unseres Volkes ! Euer Sohn ist er. 

JUVAN 
(zu sich) 
Sieh an ! Jetzt habe ich nicht einmal gelogen. 

(Laut) 
Und warum soll ich nicht abseits sitzen ? Die größten 
Narren unter euch sind zu den Kartoffelkratzern um 
Land betteln gegangen. Bald werdet ihr alle Bauern 
sein und Bäuerinnen, geizige Zwetschgenmusfresser 
und Stubenfurzer. Selbt das Stehlen werdet ihr bald 
verlernt haben ! 

(Er spickt aus) 

73 



EIN MANN 
Du beschimpfst uns. — Was willst du? 

JUVAN 
Nichts will ich. Nichts von euch, nichts von mir. 
Auf dem Hang liegen, rauchen, die Wipfel anstarren, 
trinken ! 

BOGOBOJ 

(lehe) 

Leer muß der Krug sein, in den sie ihre Milch füllen. 

KRUNA 
Warum lachst du, Student? 

JUVAN 
Das ist meine gute Kunst ! Ich kann lachen, nur weil 
ich mich langweile. Langweilig seid ihr mir. Vielleicht 
bleib' ich deshalb bei euch ! 

BOGOBOJ 
Das ist Lüge, Verschlagener! Wisse, du wartest! 

JUVAN 

(getroffen) 

Ich warte ! — Wohl ! — Seit der Kindheit ! — Ich warte ! 

BOGOBOJ 
Und sie haben beraten ... 

JUVAN 
Wirt! Ljuben! 

BOGOBOJ 

Und sie sind einig ... 

74 



JUVAN 
(laut) 
Ljuben! Wirt! 

BOGOBOJ 
Und es wird geschehn . . . 

JUVAN 
(brüllt) 
Wirt! 

BOGOBOJ 

Und es muß kommen . . . 



Was? 

Du weißt es. 

Dann wehe . 



JUVAN 

(scharfe erregt) 

BOGOBOJ 

JUVAN 
( auf sf ringend) 

WIRT 

(tritt heran) 



JUVAN 

(lachend) 
. . . Wehe dem Wirt ! 

WIRT 
He? 

JUVAN 
Eine von den Flaschen ! 

WIRT 

Zuerst! du weißt schon! 



7S 



JUVAN 

(wirft drei Silber gülden hi?i) 
Hund! 

WIRT 

(pfeift durch die Zähne) 

JUVAN 
Du wirst mir zur Strafe auf vieren laufen lernen ! 

WIRT 

(eilig ab) 

JUVAN 
(mit Ernst deklamierend) 

Hab' ich nicht einen Piaster 

Fahr' ich im Viererzug. 
Und hab' ich eine Million, 

So hungr' ich mit dem Pack. 

WIRT 

(bringt die Flasche) 

ZWEITE SZENE 

Teiterlik^ der Amerikaner, Feiwel. Hinter ihnen viel 

bunte Vaganten 

Bogoboj und seine Zuhörer ihnen entgegen 

AMERIKANER 
Alles verloren, ihr Leute! 

CHOR 
Die Verfluchten ! 

76 



AMERIKANER 
Packt Schnappsack und Bettelzeug schnell auf die 
Leiterwagen ! 

JUNGER MENSCH 
Warum weichen wir? 

ALTER MENSCH 
Das Pulverhorn hängt in ihren Stuben. 

AMERIKANER 
Sie werden uns morgen mit ihren Hunden weghetzen 
aus diesem Heimatsgebiet. 

JUVAN 
(der Szene abgewendet) 
Recht so ! Gut ! so ! 

CHOR 
Wohin mit uns? 

TEITERLIK 

Wer musiziert noch, tanzt noch? 

(Die fernen Baßrhythmen hören auf) 

TEITERLIK 
Ihr Armen! Wir Armen! Wohin morgen? 

CHOR 
Wohin morgen? Keiner, der führt, keiner, der hilft! 

FEIWEL 
Was heißt das? Keiner führt? Keiner hilft? Ich hab' 
eine Rede gehalten in der Versammlung für euch. Ihr 
hättet mich hören sollen. Aufschreiben und in der 
Zeitung drucken müßte man meine Rede. — Was, Herr 

77 



Seiltänzer? — Was, Herr Amerikaner? — Wie war meine 
Rede ? ! Was bin ich für ein Advokat ? 

(Zu den vielen, die jetzt vom Tanzboden kommen) 
Gesprochen hab' ich vom Elend des Freilagers. Sie 
haben mich mit dem Messer bedroht, und ich habe 
doch für euer Recht geredet. 

AMERIKANER 
Das ist Lüge, Mann ! 

FEIWEL 
(leise) 
Pst, Herr Amerikaner! Das ist Politik! 

(Laut) 
Und jetzt spreche ich zu euch! Ich habe Bekannt- 
schaften, allerhöchste Beziehungen. Der König von 
Schweden ist mein Freund. Ich werd eine Bittschrift 
einreichen. Ach was ! Ich bin ein Jud und habe Mut. 
Warum fürchtet ihr euch? Ihr seid doch so viele?! 
Warum laßt ihr euch jagen? Ist der Mensch ein Tier? 
(Es ist finster geworden) 

JUVAN 
(sehr laut) 
Licht auf den Tisch, Ljuben ! 

FEIWEL 

(flöizlich zaghaft abbrechend) 
Immer zu Diensten. 

(Taucht unter) 

TEITERLIK 

(zu Juvan) 
Der den Schnürrock trägt und Rotmütze, du hilf jetzt! 

78 



AMERIKANER 
Nicht aus der sonday school hast du dein Wissen her. 

TEITERLIK 
Gelehrt bist du. Sie werden dich fürchten. 

JUVAN 
(brüsk sich umkehrend) 
Was wollt ihr? 

AMERIKANER 
Reden sollst du mit ihnen ! 

JUVAN 
Ich? Mit ihnen? Mit ihnen? — 
Es langweilt mich. 

TEITERLIK 
Bitten — ihn — den Gospodar — für uns. 

JUVAN 
(langsam, scharf) 
Es langweilt mich. 

WIRT 

(bringt das Windlicht) 

AMERIKANER 
Aufschub erwirken ... 

JUVAN 
Ihr seid doch nichts als Ansässige, die's nicht einmal sind. 

TEITERLIK 
Denk' der Kinder all ohne Christus und Unterricht! 

JUVAN 
Lehr' du sie Seiltanz und Kopfstand ! 

79 



AMERIKANER 
Kamerad ! Wozu solche Reden ? Es muß etwas Ver- 
ständiges geschehn. Du kannst helfen. Ich habe ge- 
sprochen. 

JUVAN 
Ich werde euch helfen, wenn euch der Teufel hilft. 

BOGOBOJ 

(murmelt fremdartige Worte) 

AMERIKANER 
Wenn nicht mehr, so einen Rat, Mann, aus deinem 
studierten Kopf! 

JUVAN 
(fast phlegmatisch) 
Rat genug! Stehlt! - Stehlt Enten, Ferkel, Kälber, 
doch vergeßt auch nicht die eisernen Dinge, mit denen 
man töten kann. Und wollt ihr einen feinen Rat.f* 
Verkleidet euch als Bettelmönche, schleicht euch ein, 
verdreht die Weiber und verderbt die Kinder! Spielet 
die Heilkundigen, ruft Tinkturen aus, verabreicht 
Tollkirschensaft als Liebestrank oder gießt Branntwein 
auf offene Wunden ! 

Hier aber ein ganz großer Extrarat: Schneidet dicke 
Äste von den Bäumen, entlaubt sie und taucht die 
Spitzen in Pech ! 

AMERIKANER 
An den letzten Rat will ich mich halten. Mann! 

FEIWEL 

(nähert sich Juvans Ohr) 
Ich habe gute Gelegenheit . . . Mehmet Muchlis in 
der Stadt . . . leiht Waffen ... 

80 



JUVAN 

(kehrt allen brüsk den Rücken) 

BOGOBOJ 

Wirst du wachen, wenn die Stunde kommt, Sohn des 
unbekannten Vaters ? 

JUVAN 
(über die Schulter) 
Du weißt, ich schlafe nur bei Tag. 

DIE LEUTE 

(ziehn sich in den Hintergrund zurück) 



DRITTE SZENE 

Sta?ija und Mirko kommen 

MIRKO 
Das ist doch verteufelt unverständig, Stanjoschka! Was 
haben wir bei dem Gesindel hier zu suchen? Sie 
haben nichts, sie sind schmutzig, sie gehen nicht zur 
Kommunion. Unsere Alten liegen in Streit mit ihnen. 
Kehren wir um! 

STANJA 
Und mir wiederum gefällt's nicht bei deinen Freunden 
am Tanzplatz, diesen Silberklimperern ! 

MIRKO 
Wie kannst du nur so reden ? Da ist doch der Duko 
Petkovic; der ist ein Jahr lang Husar gewesen bei den 
Kaiserlichen in Temesvar und sein Alter hat gute zehn- 
tausend liegen. Und der junge Trifunovic, der die 

6 We r fei , Bocksgesang Ol 



Bäckerei geerbt hat und mit dem Großpascha be- 
kannt . . . 

(Der Gesichts aus druck Stanjas würgt ihm das Wort zurück) 
Du Katze ! Du Weib ! Ich weiß, du willst mir die 
Freunde nehmen, die Kameraden der Kindheit, die 
einen verstehn, wenn man nur zwinkert. — 
Weh mir, daß ich in dich verhebt bin, dich begehre, 
lüstern, ein Jagdhund, nach deinem Schweißgeruch 
wittere. Ich bin verliebt, so muß ich unterliegen, du 
Kalte! 

STANJA 
Geh zu deinen Freunden! 

MIRKO 
Weil du es sagst, kann ich's nicht tun. Aber hätte ich 
diese Feigheit nicht, — Jesus Jesus — ich ließe dich 
hier stehn ! 

STANJA 
Ich aber bin müde. Will mich niedersetzen. 

MIRKO 
Der Tisch dort mit einer Kerze ! Doch ein Mann sitzt da. 

STANJA 
Der Tisch ist gut. Komm ! 

MIRKO 
Ein Mann sitzt dort, sage ich dir. 

STANJA 
Du bist ja der Bräutigam. 

82 



MIRKO 
(zueinerlich) 
Ach . . . ich will nicht . . . ach! 

STANJA 
Steh nicht so dumm da und komm ! 

BEIDE 

(zu J UV ans Tisch) 

MIRKO 

(sehr geschraubt) 
Spät noch kommen wir so des Wegs daher. Hm— Hm— 

JUVAN 
(starrt ihn wortlos ruhig an) 

MIRKO 
Es ist wohl erlaubt. 

JUVAN 

(starrt^ ohne zu antworten, Mirko weiter an) 

MIRKO 

(verwirrt) 
Wir stören doch nicht? 

JUVAN 

(71a ch einer Pause) 

Dies ist ein Wirtshaus für alle Leute. — Und ihr seid 

eine noble Gesellschaft, die nicht jeden Tag anlangt. 

MIRKO 

(leise gepreßt zu Stanja) 
Komm fort! 

6* 83 



Jtivan rückt zur Seite. Mirko und St an ja setzen sich 

so^ daß Stanja hinter dem Lichte sitzt und die beiden Männer 

rechts und links von ihr fast ganz im Dunkel bleiben 

MIRKO 

(flüsternd) 
Barett und Schnürrock! Ist es der Student? 

STANJA 
Der? Ein ganz Fremder ist es. Ein ganz andrer! 

MIRKO 
(zu sich) 
Wenn sie lügt! 

(Zu Juvan) 
So haben wir uns denn hierher verlaufen, Brüderchen ! 
Man treibt sich herum, wenn Gott die Festzeit gibt. 

JUVAN 
Keine Dummheiten, Mirko Milic! 

MIRKO 
Ihr erkennt mich! Verflucht das! 

(Geschmeichelt zu Stanja) 
Man ist nicht umsonst Gospodarssohn. 

(Zu Juvan) 
Aber jetzt! Zusammen wollen wir eins trinken ! 

(Zieht Münzen aus der Tasche) 
Ich spendiere. 

JUVAN 
Halt da Freund! Wer ist zuerst hier gesessen? Ich! 
Folglich bin ich der Hauswirt, der Großbauer, der 

84 



Besitzer, der König, und ihr seid Gäste. Meine Gäste 

seid ihr. 

He! Ho! Ljuben! 

MIRKO 
Erlaubt ... 

WIRT 

(kommt) 



Zwei ! Du weißt ! 



JUVAN 

WIRT 

(ab) 



MIRKO 
Erlaubt . . . und verzeiht mir ! Ein Achtbarer seid Ihr, 
ein Mann der Künste in Eurer verschnürten Jacke, aber— 

JUVAN 
Aber.? 

MIRKO 
Arm ! Man siehts Euch ja an. Ihr gehört zum Volk 
dort bei den Feuern . . . 

WIRT 

(mit zwei Flaschen) 

MIRKO 

(läßt in seiner Hand die Münzeft klingen) 
Es wird Euch lieber sein, ich. bezahle. 

JUVAN 

(faßt Mirkos Hand, die auf dem Tische liegt, und schließt sie) 
Wenn ich's auch nur gestohlen habe, — macht Euch 
keine Sorge. 

85 



(Zum Wirt) 
Die Rubingläser, du Hammel, für solche Gäste! 

WIRT 
Weiß schon! 

MIRKO 
Wollte Euch nicht kränken. 

JUVAN 
Macht nichts. Auch diese Gläser sind gestohlen. 

WIRT 

(stellt die böhmische?i Gläser auf den Tisch) 

STANJA 
Ein Tolpatsch bist du, ein Ungeschickter! Schande 
nur wird man mit dir haben. — Was Manieren sind, 
hier kannst du es lernen ! 

MIRKO 

(mit weher Stimme) 
Stanjoschka, du! 

JUVAN 
(schenkt ein) 

STANJA 

(leicht exageriert) 

Und mir gefällt's hier. Von den Bergen kommt die 

Luft, die wie Honig schmeckt. Das Heu der ersten 

Mahd, anders riecht es, als auf den Wiesen, den eurigen. 

(Sie lacht die Tonleiter) 

JUVAN 
(ernst) 
Was girrst du, Tochter der Reichen ? 

86 



STANJA 
Ich lache über die brennenden SchmetterUnge. Über 
die Fledermäuse da oben lach ich . . . 

MIRKO 

(knirschend) 
Wenig schweigsam bist du, Schweigsame! 

STANJA 
War ich dir schweigsam, jetzt rede ich, Nörgler, und 
lache ! 

JUVAN 
Zu lachen verstehe ich gut. Aber ein Lustiger bin ich 
nicht. 

STANJA 
Seht und ich bin keine Weintrinkerin, aber jetzt trinke 
ich dem Unlustigen zu, daß er lustig sei ! 

JUVAN 
(ruhig) 
Rühr' mein Glas nicht an, reiches Weib ! 

MIRKO 
Schamlose, siehst du. Schamlose ! 

STANJA 
(trinkt ihr Glas aus^ lachend) 
Macht, was ihr wollt! Mir aber gefällt's, zwischen 
zwei Männern zu sitzen, neben dem wohlgesitteten 
Sohn, der nur das sieht, was er sehen darf, und neben 
dir, du schwarzer verschnürter Wilddieb ! ! 

(Mit der Rand nach dem Hintergründe zeigend) 
Und auch jene dort gefallen mir, die bunten Zerlumpten ! 

87 



JUVAN 
Es sind die nämlichen, Tochter der Reichen, die ihr 
morgen mit euren Hunden hetzen werdet. 

STANJA 
Nein! Das wird nicht geschehn. Ich sag' es! 

JUVAN 

(nachdrücklichst) 
Es soll aber geschehn. So sag' ich! Solange soll's ge- 
schehn, bis es sich umkehrt, und sie e u c h hetzen ! Und 
dann mag es sich wieder verkehren ! 

MIRKO 

(erhebt sich) 
Stanja! Jetzt kommst du, jetzt gehn wir! 

STANJA 
Geh, wenn du magst. Zu befehlen hast du mir nichts. 
Noch bin ich frei. 

MIRKO 
(setzt sich) 
Du weißt nicht was du tust. Das Feuer frißt. 

JUVAN 
Mirko Milic, trink, trink mein Gast du! 

MIRKO 
Das will ich tun, Student, denn ich fürchte mich nicht. 

(Trinkt zwei Gläser hintereinander) 

STANJA 
Trink nicht soviel, der du nichts verträgst, Muttersohn ! 



MIRKO 

(stöhnt auf) 

JUVAN 
Lach' doch, MUic, sie ist ein Weib! 

MIRKO 

(lallend) 
Kann — nicht 'mehr — denken. 

JUVAN 

Was schaust du so mich an, du Braut? 

STANJA 
Hab ich nach dir geschaut? Nun, gesehen hab ich dich 
nicht. Aber ich denke, daß ich die Blonden hasse, und 
daß mir die Schwarzen Wohlgefallen. 

MIRKO 

(zerschmeißt sein Glas) 

STANJA 
Narr! 

JUVAN 
(ernst) 
Dem Gast ist das erlaubt. 

(Zu Stanja) 
Du irrst dich, Mädchen, ich bin dein Feind. 

STANJA 
Wärst du's doch ! 

JUVAN 
Du hast recht. — Ich habe das Wort zu hoch genommen. 
Ich liebe nicht Besitz, aber es ist mir lieb, Besitz zu 

89 



rauben. Ich liebe nicht das Geraubte, aber heb ist mir, 
es zu verwerfen. 

STANJA 
Wer die Finger der Käufer kennt, wird segnen des 
Räubers Hand. 

JUVAN 
Schön bist du wohl. 

STANJA 
Feind ! 

JUVAN 
Blond bist du auch! 

STANJA 

(mit leisem Triumph) 
Feind ! 

JUVAN 
Aber mich lockt kein Schenkelraub ! 

MIRKO 

(auffahrend in Tollzvut) 
Ah ! Ah ! Ah ! Beleidigt hast du die Braut ! Das Messer 

zieh! 

(Er steht mit erhobenem Messer) 

JUVAN 

(gelassen) 
Ich hab' dir die Braut nicht angetastet, Mirko Milic! 

MIRKO 
Weh, wenn du's nicht getan hast ! Komm an ! 

JUVAN 
Geh deiner Wege ! Zu früh ist es noch, Blut zu sehn. 

90 



VIERTE SZENE 

T eiterlik, Amerikaner^ F eiwel, Kruna^ die Leute 
scharen sich um die Gruppe 

STIMMEN 
Der Sohn des Gospodars. — Das Bürschlein. — Sie wollen 
stechen — 

MIRKO 
Ah! Zerstört ist alles. Wenn du am Leben bleibst, 
werde ich dich anbetteln müssen für sie. Drum mußt 
du sterben, sterben, sterben, weil ich sie liebe. Komm 
an! 

JUVAN 
Wünschest du, Tochter der Reichen, daß wir stechen i 

STANJA 
Ich will es. Und mögst du fallen ! 

JUVAN 

So komm denn Mirko Milic! Der Mond scheint uns. 

Er klappt sein Messer auf 

Übermäßig wachsendes Mondlicht 
STIMMENGEWIRR 

(sinkt zusammen) 

MIRKO UND JUVAN 
(stehn mit gezückten Klingen in Positur) 

FÜNFTE SZENE 

Blitzs chnelle Verfinsterung der Bühne, 

Drei Pulsschläge lang gänzliche Dunkelheit. 

Blitzschnelle Aufhellung der Bühne, 

91 



Und es ist, als ob ein Riesenschatten über alle dahingefahren 
wäre. Endlose Pause panischer Erstarrung. Alle — jeder nach 
einer andern Richtung hingewandt — sind in vielfachen 
Gesten versteinert. Nur aus Juvans Hand — er steht hor- 
chend, als wäre er angerufen worden — stürzt das Messer 
zu Boden. Da löst sich der Krampf in eine namenlos hyste- 
risch ungereimte V erwirrung 

MIRKO 

(mit noch immer hoch erhobenem Messer im Vor der gründe) 
Komm ! Sonst töte ich dich ! 

(Er reißt Stanja mit sich fort) 

FLATTERNDES ANGSTGELÄCHTER 
Ha, Heha! Hihihahaha! 

VON ALLEN SEITEN 
Ha! Heha! Hihihahaha! 

FEIWEL 
Mojscherabbenu ! 

TEITERLIK 
Habt ihr, — oh, oh, oh, — habt ihr den Schatten gesehn ? 

RUFE 
Wir haben gesehn ! — Wir haben nicht gesehn ! 

AMERIKANER 
Ruhig Kinder ! Er wird euch nichts tun, der Schatten ! 

ERSTE STIMME 
Ich hab ihn gesehn. Es war ein Mensch. 

ZWEITE STIMME 
Kein Mensch war's. 

92 



DRITTE STIMME 
Ein Riesen — ein Riesenbock ! 

VIERTE STIMME 
Nein, ein Mensch! 

FÜNFTE STIMME 
Wohin ist er, der Bock, der Bock? 

SECHSTE STIMME 
Die Straße hinunter, radschlagend! 

TEITERLIK 
Nein ihr — oh, oh — ins Haus hinein. 



SECHSTE SZENE 

Der Wirt stürzt heulend^ j äffend^ mit verdrehten Augen 
aus dem Hmis 

WIRT 

(auf den Knien) 
Heilige Maria bitt für uns ! Heilige Anna bitt für uns ! 
Heiliger Josef bitt für uns ! 

AMERIKANER 
(schüttelt ihn) 
Rede Ljuben ! Kaltes Blut ! Was hast du gesehn ? 

WIRT 
Heiliger Chrisostomus bitt für uns! Heiliger Athana- 
sius bitt für uns! Cyrill und Methodius betet für uns! 

93 



AMERIKANER 
(schüttelt ihn rasend) 
Mann! Was denn? 

WIRT 
(mit stolpernder Zunge) 
Wohltuende Höhlenbewohner betet für uns! 
Oh er — oh es. 

(Fällt in Ohnmacht) 

SIEBENTESZENE 

Der weißhärtige Bogohoj in einem weißen mythisch-fhan- 

tastischen Mantel^ Haar und Bart bekränzt, tritt auf. Er 

trägt eine Syrinxffeife in der Hand 

BOGOBOJ 
Ergangen ist der Schreck an uns. Den Schreck senden 
sie voraus. Ich schlief, da bin ich aufgewacht. Ergangen 
ist der Schreck an uns. Wo ist, wo ist der Sohn? 

(Er bläst) 

JUVAN 

(reckt sich mit furchtbarem Ruck auf und rennt, während 
alles zurückweicht, ins Haus) 

AMERIKANER 
All devils ! Respekt ! 

KRUNA 
(verzückt) 
Juvan, unser Herr! 

TEITERLIK 
Jetzt ist er ein toter Mann. 

Lange lauschende Pause 

94 



KRUNA 

(aufjubelnd) 
Jetzt ist er ein Lebendiger! 

DURCHDRINGENDE STIMME 
Ha! Reha! Hihihahaha! 

FEIWEL 
Hört auf so zu lachen, Gott meiner Väter! 

BOGOBOJ 
Sammelt euch, ihr Kinder, und seid bereit ! Sie werden 
befehlen. Der Sohn ist beim Sendling. Sammelt euch ! 

(Et bläst) 

LETZTE SZENE 

Juvan tritt totenbleich vor die Türe. Mit ausgebreiteten 
Armen versperrt er sie. 

JUVAN 
Die Stunde ist für uns gekommen. Was an Waffen, 
an Waffenähnlichem, was an Brandgerät, an Pulver 
und Zündschnuren da ist, ergreift es! 
Juvan, der Mann vieler Verschwörungen, der Sohn 
dieser Berg-Erde sagt's euch. 

Fällig ist das Schicksal der Habenden ! Denn zu uns 
gekommen ist er, der Entsprungene, Verdrängte ... In 
meinen Schutz hat sich das Geheimnis begeben. 

Der Vorhang fällt 

95 



VIERTER AKT 



Inneres einer hölzernen Dorfkirche griechischer Konfession. 
Der Raum wird beherrscht vom Ikonostas, der gold-, silher- 
imd hilderbtmten Wand, die das Aller heiligste verbirgt. Der 
Iko7iostas ist von den beiden kleineren Seitentüren und der 
großen, der sogenannten „königlichen Pf orte'' durchbrochen. 
Diese drei Eifigänge, die während des göttlichen Schauspiels 
zum Wandel des Priesters und Diakons dienen, sind jetzt 

geschlossen 
Einige vereinzelte Kerzen brennen 



ERSTE SZENE 

Auf der Vorbühne vor dem Ikonostas Juvan und der 
Pope. An der Kirchentüre zwei bewaffnete Auf rühr er 

als Wachen 

POPE 

(schlotternd) 
Letzter Tag ! Nicht mehr rettet der gnädige Hochaltar, 
nicht mehr der HebUche Ort der Brotverwandlung. 
Laß mich hinaus! Draußen sterben. 

JUVAN 
(nach der königlichen Pforte weisend) 
Hast du ihn gesehn da drinnen ? 

POPE 
Gesehn.? Hab ich ihn anzuschaun gewagt.? Äh! Äh! 
Er lacht seiner Fesseln, der Zottige ! 

7* 99 



JUVAN 
Und weißt du, wer er ist? 

POPE 

Nicht ihn nennen ! Nenn ihn nicht, du — du — ! Laß 
mich hinaus! 

JUVAN 
Du zweifelst also nicht ! Du glaubst, daß er ist, was 
er ist? 

POPE 
Ich glaube an den Tod der Welt. Laß mich ! 

JUVAN 
(packt ihn an der Gurgel) 
Wenn du glaubst, so nenn seinen Namen! 

POPE 

(ächzend) 
Aufruhr, Mord, Feuerschein, Ketzerei die Vornamen . . . 

JUVAN 
(läßt ihn los) 
Geh! 

POPE 

(holt schnell aus einem Versteck das große Evangelium und 

eine silberne Patene) 
Retten will ich die Heiligtümer! 

JUVAN 

(schlägt mit seinem Handzar dem Priester diese Gegenstände 

aus der Hand) 
Juwel, Gold, Silber willst du retten, pfiffiger Pfaff^'. 

lOO 



POPE 

(abrennend) 
Ich glaube, daß er es ist. Ich glaube ! 

ZWEITE SZENE 

7eiterlik kommt betrunken^ halb in merkwürdiger Uni- 
form, halb im Clownskostüm 

TEITERLIK 
Kapetan! — Überall gewonnen — ! Kapetan! Wir 
florieren. — In vielen Stuben wurde der Schnaps ver- 
kostet. — Melde gehorsamst, die Armee wächst. — Die 
Knechte, die Leibeigenen, die Froner, die Häusler 
alle mit uns! — Aus den Wäldern die Köhler, die 
Meilersleute, die Pascher, viele haarige Unbekannte 
rottieren sich. — Melde gehorsamst, der Himmel" ist 
rot. — Knez sollst du werden, so sagen sie. — Und ich will 
auch avancieren, denn ich habe gute Kriegstaten getan. 
Kapetan, zum Leutnant bin ich gut. — Auf meinen 
Händen will ich an der Spitze marschieren. — Glaubst 
du nicht, daß ich jung genug bin.? 

(Er versucht ein Rad zu schlagen) 

JUVAN 
Leutnant sollst du sein, solange du betrunken bist. Doch 
treffe ich dich einmal nüchtern, so lasse ich dich 
erschießen. 

TEITERLIK 
Befehl ist Befehl! 

JUVAN 
Wie groß ist die Armee, Leutnant .?* 

lOI 



TEITERLIK 
Tausend sind wir, sagt man! Und all die Waffen, Säbel, 
Flinten und eine kleine Kanone, die nicht schießt. 

(Et fällt aufs Knie und bekreuzigt sich) 
Der da drin hat uns die Waffen hergezaubert. 

DRITTE SZENE 

Feizvel tritt stürmisch auf 

FEIWEL 
Also, Herr General, alles was recht ist, — (leicht wird 
mir's nicht, eine Kirche zu betreten) — was schaut Ihr 
mich so an? 

JUVAN 
Frecher! Ich bin nicht deinesgleichen, daß du so mit 
mir sprichst ! 

FEIWEL 
Ts! Ts! Christ bleibt Christ! Schöne Revolutionäre 
sind mir die Gojim ! Haben sie einen Säbel, spielen sie 
gleich Soldaten und Habtachtstehn. 

JUVAN 
Melde! 

FEIWEL 
Also, Herr General, ich hab geglaubt, es ist die Zeit 
der Befreiung und der Gerechtigkeit gekommen. Aber 
was hab ich sehn müssen ? Mord, Herr General ! Über- 
all morden die Besoffenen, die Besessenen. Keiner ver- 
teidigt sich, und sie morden. Blut von Menschen, Herr 
General, von Menschen, aus den Haustüren, über die 

I02 



Schwellen hinab, über die Stufen . . . Wehe Wehe ge- 
schrien ! Ihr müßt verhindern, Ihr müßt befehlen ! Ich 
kann kein Blut sehn. Und der da drinnen — wenn der 
da drinnen überhaupt drin ist — kann der es wollen ? 

JUVAN 
Jud! Weißt du, warum du der niedrigste aller 
Menschen bist? 

FEIWEL 
Dafür gibt es viele Meinungen. 

JUVAN 
Weil du den Blutdurst nicht verstehst. 

FEIWEL 
Seht! Und gerade deshalb habe ich mich bisher für 
den Auserwählten unter den Menschen gehalten. 

VIERTE SZENE 

Der Amerikaner kommt 

AMERIKANER 
Mann, ich habe Ordnung in die Leute gebracht. Ein- 
geteilt und abgesondert sind die Scharen, wie ich's im 
Kriege gelernt habe, und jede hat ihre Aufgabe. Die 
Höfe im Süden alle schon hell, und jetzt sind die Leute 
gegen den Gospodar aufgebrochen. 
Aber viel Volk, vor allem die Weiber, sind länger nicht 
zu halten. Sie wollen ihn sehn. 

JUVAN 
Sie werden ihn sehn. 

103 



AMERIKANER 
Ich beglückwünsche Euch, Student ! Ihr habt ein gutes 
Stück geleistet, und dies war Menschenkenntnis, als Ihr 
den Verborgenen den Leuten nicht zeigtet, sondern 
im verhangenen Käfig hierherbrachtet. 

JUVAN 
Fürchte den Tod, wenn du nicht glauben kannst. 

AMERIKANER 
Machen wir uns nichts vor, Sir! — Ich werde mit 
meinen Augen sehn. — Überm Wasser habe ich 
manches erlebt. Es gibt dort große Siedlungen und da 
kommt plötzlich der Geist über diese Adamskinder, 
sie reden Zungen, ziehen überland, morden, sengen im 
Gottesrausch, reißen sich die Kleider vom Leib und 
treiben im Namen des Herrn Unzucht. 
Aber der Verstand des Mannes zieht Vorteil selbst aus 
Gott und dem Wahnwitz. 

JUVAN 
Ich habe dumpf aus dem Blute gelebt. Da kam der 
Anblick, das Fieber brach aus mir und hat alle ergriffen. 
Ich werde mein Werk tun, weil ich glaube. Drum glaub 
auch du, Amerikaner! 

AMERIKANER 
Ich glaube wie Ihr an die Rache. Sehr hoch hat mein 
Vater geendet, fünf Schuh hoch über der Erde. 

TEITERLIK 
Draußen die Menge! 

104 



FÜNFTE SZENE 

Bogoboj , bekränzt und. gekleidet wie am Ende des dritten 

Aktes 

BOGOBOJ 
Herzog des Volkes ! Sohn der Unbekannten ! Du sollst 
künden und ihn uns weisen. 

JUVAN 
Wie stark ist der Rausch? Wie hoch der Glaube? 

BOGOBOJ 
Wir haben vom Wein getrunken, der zum Blut ward, 
Und vom Blut, das zum Wein ward. 

JUVAN 
So seid Ihr bereit zum Dienst? 

BOGOBOJ 

Wir sind todesdurstig nach der Messe, wir lechzen 
nach der Liturgie. 



SECHSTE SZENE 

Trunken und wunderlüstern strömt die Me7ige in den Raum. 

Männer und Weiher, Allerhand Waffen sind zu sehn, Sensen 

und Dreschflegel, auch einige Pechfackeln 

CHOR 
Ihn sehn — Ihn sehn — Ihn sehn ! 

KRUNA 

(zu Juvans Füßen) 
Du unser Herr erhöhe uns ! 

105 



JUVAN 
Noch nicht reif seid ihr, seinen AnbHck zu verehren. 

KRUNA 
Lehre uns! 

JUVAN 
Der Länder Schicksal könnt ihr werden, wenn ihr ihn 
begreift. 

KRUNA 
Und du unser König. 

BOGOBOJ 
Viele Jahrhunderte hast du geschlafen. Jetzt bist du wach. 



Was seid ihr all 


[.? 


JUVAN 








Menschen ! 




KRUNA 








Dies aber ist es. 
nicht seid. 


Er 


JUVAN 
fordert von euch, 


daß ihr 


Menschen 


Was sollen wir 


KRUNA 
werden ? 









JUVAN 
Geh in dich und tu die Antwort auf deine Frage ! 

KRUNA 

(sieht Juvan mit wunderbarem Ausdrucke an^ dann lost sie 
langsam ihr langes Haar und schüttelt den Kopf, daß es sie 

umzvehe) 

JUVAN 
Habt ihr gesehn und verstanden ? 

io6 



CHOR 

(in einem Aufschrei) 

Lösen ! 

JUVAN 

Ja, lösen ! Denn der Mensch ist ein Knoten, denn der 

Mensch ist ein Krampf. 

CHOR 
Vernichtung der Plage! 

JUVAN 
(bricht ein großes Kreuz übers Knie und wirft's in die 

Menge) 

FEIWEL 

(frohlockend) 
Oi, der Gehenkte! 

JUVAN 
Mensch ist das gekreuzigte Tier. 

BOGOBOJ 
Habt ihr das W^ort gehört? 

KRUNA 
Herr! Nimm uns vom Kreuz! 

JUVAN 
Ich werde dich der Weide wiedergeben, Hindin mit 
spielenden Augen du ! 

Ihr Alle! Euer Antlitz verbirgt Tier-Todeskampf, 
Tier-Gestorbenheit. Überwach bin ich. Ich sehe die 
Tiere. Dort! Blick des erhängten Hengstes! Dort! 
Blick des erdrosselten Katers. Dort! Letzter schiefer 
Blitz des verendenden Wolfs. 

(Die Vision der Gesichter ist zu starke er schließt einen 
Augenblick seine Augen) 

107 



KRUNA 
Erlöse die armen Tiere ! 

CHOR 
Erlöse das Tier ! 

JUVAN 

(nach der königlichen Pforte der Ikonost asis weisend) 

Sein Anblick wird es erlösen ! 

CHOR 
Zeige den heiligen Gott! 

(Die Menschen geraten in wilde Bewegung, Die Weiher 
schütteln die gelbsten Haare und heginnen die Kleider %u 
zerreißen. Die Männer bewahren auf ihren Trügen mit 
Mühe jene hös-lauernde Verlegenheit, die das W etterleuchten 
furchtbarer Massenausbrüche ist) 

JUVAN 
Er ist die Rückkehr, er ist die Heimkehr ! Aus dem 
Urwald der Nacht sind wir gebrochen, blinzelnd ins 
Tageslicht. In den Wald wollen wir rückkehren. 
Unsre Augen werden wieder groß und still sein. — Er 
wird uns in die Nacht heimführen, wenn die Aufgabe 
getan ist, wenn nichts Gebautes mehr steht auf der 
Erde, wenn die Erblüge vernichtet, wenn die Rache 
an dem Menschen erfüllt ist, wenn der letzte Pflug im 
blutigen Erdloch verfault. 

BOGOBOJ 

(halt ein gesticktes Kirchengewand vor sich hin) 
So ergreife ich mit drei Fingern die schmale Stola des 
Diakons und eile hinab und mitten durch den Tempel, 
nachahmend den trunkenen Flug der Himmelsgeister . . . 

io8 



(Er bewegt sich taumelnd durch die Kirche) 
Zum. Dienst ! Ihr Gläubigen ! Auf, die Sinne auf zum 
Schauspiel der Messe, zur Handlung der Liturgie! 

(Er kehrt zur Ikonostasis zurück) 

CHOR 

(wendet sich, Einheit geworden, dem Altar zu) 

JUVAN 
Beginne dein Amt, Diakon ! 

BOGOBOJ 
Du hast es befohlen. 

JUVAN 
Welches Licht ziemt, ihn zu empfangen ? 

BOGOBOJ 
Die Finsternis! 

JUVAN 
Welche Farbe ihn zu begrüßen? 

BOGOBOJ 
Wollüstig geschlagenen Fleisches Farbe ! 

JUVAN 
Welche Musik, ihm zu huldigen ? 

BOGOBOJ 
Gleichmäßig wachsende, die betäubt ! 

JUVAN 
Wo sind die Musikanten? 

BOGOBOJ 
Ihr Russigen, hierher! 

109 



DIE RUSSIGEN 

(lassen sich auf einer Seite des Voraltars nieder. Sie tragen 
Fellkleidung und Hornschmuck auf dem Ko-pfe. Ihre In- 
strumente sind Trommel, Sackpfeife, Tamburin und zwei- 
saitige Guzla) 
(Kerze?i erlöschen) 

AMERIKANER 
(zu Juvan) 
Zu lange währt der Wahnwitz! Ich kalkuUere, ihr 
arbeitet für den Untergang! 

DIE RUSSIGEN 

(begimien, zuerst leise, die einförmige Musik, die ein und 
dieselbe rhythmische Figur immer wiederholt) 

JUVAN 
(tritt in einen Schatten) 

BOGOBOJ 

(verzückt) 
Ihr Lieben, singt mit mir die Litanei ! 

(psalmodiert) 
Tragos Lyaios Oikoloi 
Venga Venga Chaire moi 
Pomiluj Nas Pomiluj ! 
(Die Musik wird immer lauter und schneller) 

CHOR 

(auf den Knien) 
Tragos Lyaios Oikoloi 
Venga Venga Chaire moi 
Pomiluj Nas Pomiluj ! 
(Die Weiber brechen in Schreie, die Männer in keuchende 

Rufe aus) 

I IG 



FEIWEL 

(int Zwange seiner ewigen Fremdheit betet) 

Boruch ato adonaj elohenu adonaj echod! 

Um gesund zu bleiben ! 

AMERIKANER 

(vergeblich gegen die Hypnose ankämpfend) 

Ich habe einen klaren Kopf. Aber ich kann nicht anders. 

(Er wirft sich heulend hin) 

Pomiluj Nas Pomiluj ! ! 

(Die Musik rast) 

ALLE 

(in rhythmischer Betäubung) 
Pomiluj Nas Pomiluj ! ! 

JUVAN 

(tritt hervor) 



SIEBENTESZENE 

Der Gospodar, die Mutter , Mir ko, Stanj a, B abka, 

die Alten von Modrygor und Krasnokraj, einige Knechte 

mit Laternen bahnen sich den Weg durch die Menge, die 

vor ihnen, plötzlich verstummend, zurückweicht 

(Musik der Russigen bricht ab) 

GOSPODAR 

(den Fuß auf der Stufe des Voraltars, Juvan entgegeti) 
Brandhunde! Lästerer! Mörder! Ich, der Vorstand 
komme hierher, gänzlich unbewaffnet, mit den Wei- 
bern meines Hauses. 



1 1 1 



CHOR 
Haut sie tot! 

JUVAN 
Keinen Laut ihr alle ! 

(Tjum Gospodar) 

Und was wünscht Ihr? 

GOSPODAR 
Ihr habt unsere Ortschaften niedergebrannt, erbar- 
mungsloser als Spahi und Dahi. Ihr habt Mann, Weib 
und Kind, die wehrlos Überfallenen gemordet und ver- 
stümmelt. Wollte ich nach Gottes und der Menschen 
Wort handeln, ich stünde nicht hier. 

JUVAN 
Und was wünscht Ihr.? 

GOSPODAR 
Immer zu weich war mir das Herz ! Glaubt ihr, ich 
hätte Reiterin die Stadt geschickt zum Bimbaschi, daß er 
Soldaten sende, euch Tolle niederzustampfen.? Nein, 
ich habe nicht geschickt, ihr Blutsäufer ! Vernehmt das ! 

AMERIKANER 
(Das glaube ein Wahnsinniger !) 

JUVAN 
Und was wünscht Ihr.? 

GOSPODAR 
Verhandeln will ich mit Euch! Du Vernichter im 
Scholarenrock ! 

JUVAN 
Und was sollen wir tun ? 

112 



GOSPODAR 
In diesem Augenblick mir Waffen, Diebs- und Brand- 
werkzeug abliefern und euch zerstreun. 

JUVAN 
Und was bietet Ihr? 

GOSPODAR 

Ist es nicht genug, daß ihr unverfolgt und straflos bleibt ? 

JUVAN 
Das ist kein Handel, wie ihr, Händler, ihn sonst ge- 
wohnt seid. 

GOSPODAR 
So kniet denn alle vor mir nieder und hört, was euch 
zur Gnade der Rat der Alten beschlossen hat. Wenn 
ihr sogleich gehorchet, soll all das arme Blut vergessen 
sein, und, — kniet nieder, weint, ihr Mörder, — und 
jeder Landlose, Arme, Fahrende, Heimgekehrte erhält 
Land vom unbestellten Land und Saatgut obendrein! 

CHOR 

(schweigt kalt und stützig) 

TEITERLIK 

(weinerlich) 

Ich bin zwar Leutnant, aber Land, mein Land . . . 

JUVAN 
Ihr habt nicht alles gesagt, was ihr fordert. 

GOSPODAR 

(leise) 
Ihr müßt ihn ausliefern, und sofort! 

8 Werf el , Bocksgesang ^^3 



JUVAN 
Wen? 

GOSPODAR 

(schamvoll zwischen den Zähnen) 
Den Ungetauften ! 

JUVAN 
Seinen Namen! 

GOSPODAR 
(sich windend in Schmach) 
Verstell' dich nicht, Mahr du ! 
Im Allerheiligsten . . . 

JUVAN 
Nennt ihn ! 

GOSPODAR 

(laut, klanglos) 

Sein Name. Ich kenne ihn nicht. Er ist mein Sohn, 

MIRKO 
Oh mein Vater du ! 

BOGOBOJ 
Ein Gott auch wurde der Armut im Stalle geboren. 

MÄNNERSTIMME 
Dieser aber wurde dem Reichtum geboren. 

FRAUENSTIMME 
Hihihahaha! Der Reichen Geheimnis! 

BOGOBOJ 
Wer darf sagen : Du bist mein Sohn } 

JUVAN 
Gospodar! Deine Forderung ist abgeschlagen. 
Er, der unser Sieg ist, bleibt! 

114 



GOSPODAR 
Wer stellt sich dem Vater in den Weg? 
(Et will vorwärts, aber Bewaffnete, die sich um Juvan 
postiert haben, halten ihre Waffen entgegen) 

MUTTER 

(vortretend) 
Dieser Vater da haßt ihn. Niemand aber kennt mein 
Leben seit jenem Tage. Mich laßt zu ihm . . . 

BABKA 
Frau, tretet zurück ! 

(^ie drängt die Mutter zur Seite) 
Die Eltern haben ihn verleugnet. Ich aber war ihm 
Nährmutter, Amme, bis zu diesem Tag die einzige 
Wärterin. Ich allein habe Macht über ihn. Bei meinen 
Liedern schlief er ein. 

(Zu Juvan) 
Höllenseele! Ich warne dich. Laß mich ihn locken. 

JUVAN 
Es ist noch ein Weib mit Euch ! 

MIRKO 

(packt Stanja eisern) 
Verbirg dich ! 

JUVAN 
Gospodar! Siehe dies ist Juvan. Plötzlich wirft er seine 
Beschlüsse um. Was ihm vor einer Weile noch heilig 
und wert war, jetzt spuckt er darauf. Deine Vor- 
schläge sind angenommen und ich will mich dir 
fügen . . . 

8* 115 



AMERIKANER 
Verrat ! 

CHOR 
Niemals habe ich ihn verstanden . . . 

BOGOBOJ 
Beugt euch dem Willen. Er kommt nicht von ihm. 

JUVAN 

(sehr nachdrücklich) 
Ich vs^ill mich dir fügen. Er kehrt zurück, v^enn diese 
Schöne dort, v^enn deines Mirko Braut, wenn . . . w^enn 
sie hineingeht und ihn euch zuführt. — 

GOSPODAR 
Das Antlitz, das der Vater Jahr um Jahr nicht zu sehen 
gev^agt hat, . . . sie, das Mädchen . . . ? 

JUVAN 

Sie kann euch retten. 

GOSPODAR 

(leise ^ entsetzt) 
Fort von hier, meine Tochter ! 

MIRKO 

(schlaff, mit grenzenloser Traurigkeit) 
Zum zv^eitenmal müssen v^ir vor ihm fliehen, Stanja! 
Der Student ist stärker als wir. Und . . . kein Glück 
sind wir uns . , . Ich werde sterben ohne dich ... Mein 
Wort hast du zurück ! 

ii6 



DIE ALTEN VON KRASNOKRAJ UND MODRYGOR 

(flüsternd zu Stanja) 
Fürchte dich nicht. Auf heimHchen Wegen bringen 
wir wohlbewafFneten Beide dich zu deinen Eltern zu- 
rück. 

DIE SIPPE DES GOSPODAR UND DIE ALTEN 

(durcheinander leise um Stanja) 
Fort ! — Leise ! — Unvermerkt ! — Entweiche ! - 

JUVAN 
Welche Antwort.? 

STANJA 

(besteigt langsam den Voraltar) 
Da ist sie ! 

STANJA UND JUVAN 

(stehn lange Aug in Aug) 

BOGOBOJ 

(vo7t einem Zwittern befallen) 
Ihr Kinder! Das Geheimnis der Messe naht. 

CHOR 

(bewegt, melodisch) 
Schön ist sie, die Schöne, 
Mit der Bänderkrone 
Im Brautschmuck, im Brautschmuck. 

KRUNA 

(verhüllt sich in ihrem Haar) 
Weinen ! 
(Die Musik der Russigen leise, eine andre Figur als vorhin) 

117 



MUTTER 
Nie hat er ein junges Weib gesehn. Sie geht in den Tod. 

MIRKO 
Zum Bruder . . . 

JUVAN 
Stanja! Bin ich dir nun Feind genug? 

STANJA 
Nicht sosehr als ich dir Feindin bin. 

JUVAN 
Tust du es, die Deinen zu retten? 

STANJA 
Die Meinen? Es sind nicht die Meinen! 

JUVAN 
Warum tust du es, Stanja, dann? 

STANJA 
Räuber! Ich verschleudere deinen Raub. 

JUVAN 
(seilten Rückzug hochmütig verbergend) 
Tritt hinab ! Du sollst nicht mein Opfer sein ! 

STANJA 
Dein Opfer? Wer bist du? Kannt' ich dich je? Ich 
kenne dich nicht. 

(Sie verbeugt sich vor dem Ikonostas) 
Hier stand ich schon, Gott zu empfangen. 
(Über ihren Sieg emforwachsend) 
Geh! Knecht! Öffne! 

ii8 



JUVAN 
Hier hast du ein Messer! 
Verstehst du ? — Ein Messer ! 

STANJA 

(nimmt das Messer) 
Ich werde die Fesseln durchschneiden. 
Aber nicht wehren werde ich mich. 
Öffne! 

JUVAN 
(hebt seine Hand, aber vermag sich nicht von der Stelle zu 

rühren) 

STANJA 

(ohne sich umzublicken, verschwindet durch die ,, königliche 

Pforte'') 
(Musik schweigt) 

ACHTE SZENE 

MIRKO 
(hat des zerbrochenen Kreuzes Hälfte mit den beiden silber- 
beschlagenen Querhölzern ergriffen und wirft sich auf Juvan) 
Zum zweitenmal — treffe ich dich ! 
(Er stürzt in das vorgehaltene Eisen eines Bewaffneten) 
Oh — oh — oh — Vater ~ oh — oh ~ oh 

(Stirbt) 

GOSPODAR 

(der bei dem Sterbenden kniet, nach langem Schweigen) 
Er atmet nicht mehr. 

(Mit heiserem Schrei) 
Aber Er.., 

119 



MUTTER 

(die in den Augen den Irrsinnsausdruck sündigen Frohlockens 

nicht verbergen kann) 
Gerechtigkeit! O Gerechtigkeit! 

(Wirft sich über den Leichnam) 

BABKA 

(kalt, der Mutter Zwiespalt durchschauend) 
Frau! Steht auf! 

GOSPODAR 

(hart, zu den Knechten) 
Faßt den Toten und hebt ihn ! 

MODRYGOR 
Bruder ! Willst du das Mädchen verlassen ? 

GOSPODAR 
Der Angelobte ist tot. Sie ist die Unsrige nicht mehr. 
Voran ! 
(Die Männer mit dem Leichnam bewegen sich zum Ausgang) 

(Gosfodar, Mutter und Babka folgen) 

KRASNOKRAJ 

(zu Modrygor) 
Gevatter ! Wir verbergen uns und warten auf die Tochter 
von Kouzelni vrh. 

GOSPODAR 

(von der Kirchtüre in den Raum rufend) 
Wenn ihr uns vernichten wollt, so eilt damit ! Ich habe 
euch betrogen. Die Janitscharen sind längst auf dem 

Marsch. 

(Er und seine Sippe ab) 

T20 



LETZTE SZENE 

BOGOBOJ 
Ich fühle die heilige Wandlung. Bereitet euch ! Betet ! 
Ein Augenblick noch, und ihr werdet ihn sehn ! 

CHOR 

(aufsteigende Furcht im Gesang betäubend) 
Pomiluj Nas Pomiluj ! 

JUVAN 

(plötzlich auffahrend, in verzerrtem Triumph) 
Jud'! Auf den Platz hinaus! Zur Glockenlinde ! Läute, 
Jude, die Glocken, die Hochzeitsglocken ! 

FEIWEL 
Hei! Hei! Der Jud* wird die Christenglocken läuten, 

der Jud', der Jud'! 

(Läuft' ab) 

AMERIKANER 
Mir war's eben, als hätte ich ferne Trompeten gehört. 

TEITERLIK 
Verdammt ! Auf dem Seil zwischen zwei Giebeln wäre 
mir wohler. Der Morgen friert mir im Gebein. Meine 
Charge freut mich nicht mehr. 

JUVAN 
Was hab ich getan? 

EIN UNGEHEURER LUSTSCHREI 

Sangartig, chromatisch absteigend, nicht aus Menschenkehle, 
unmenschlich übermenschlich, aus dem Allerh eiligsten hervor 

DIE GLOCKEN 

(fallen wild ein) 

121 



BOGOBOJ 
Es ist geschehn. Das Wunder ist da. 

KRUNA 
Warum hast du nicht mich geopfert? 

CHOR 
Sie ist tot. 

JUVAN 

(stürzt mit einem dumffen Ruf gegen die Pforte des Heilig- 
tums) 

BOGOBOJ 

(mit ausgebreiteten Armen verstellt ihm den Weg) 

JUVAN 
Retten ! 

BOGOBOJ 
Stör nicht das Opfer! 

JUVAN 
Alter zurück ! 

BOGOBOJ 
Ertrage den heihgen AugenbHck! 

(Er hält mit ungeheurer Kraft Juvan umklammert) 

JUVAN 
Ich leide. 

(Sie ringen) 

(Die Glocken schweigen) 

Die Alten von Modry gor und Krasnokraj tauchen 

an der Rampe auf 

KRASNOKRAJ 
Haltet mich ! Meine Kniee zittern zu sehr, 

122 



MODRYGOR 
Dort! Ah! Ich habe etwas gesehn. Jetzt! Da! Hinter 
dem letzten Fenster ein Frauenschatten. Schnell ! Durch 
die kleine Tür ! 

(Sie verschwinden durch einen geheimen Ausgang) 

FEIWEL 

(erscheint an der Ramfe, zähneklappernd, leise) 
Hörner von allen Bergen ! 

(macht sich davon) 

JUVAN 

(hat den riesigen Alten übermannt \ der taumelt zur Seite) 
Stanja! 

(Kaum tut er den ersten wilden Schritt zum Heiligtum, er- 
starrt er) 

CHOR 
Er kommt ! 

ALLE PERSONEN AUF DEM THEATER 

(weichen in dunkler Masse zurück) 

DIE GROSSE KÖNIGLICHE MITTELPFORTE DER 
IKONOSTASIS 

(öffnet sich langsam von selbst) 

Dahinter wird sichtbar 

DER GROSSE HOCHALTAR 

(blendend mit hundert Lichtern besteckt) 

BOGOBOJ 

(auf dem Angesicht) 
Ich sehe, 

123 



CHOR 

(niedergeworfen) 
Wir sehn ihn. 

DER HOCHALTAR 

(wogt mit taumelnden Flammen) 

Ehe der Zuschauer etwas nahen sieht, 

fällt der Vorhang 



124 



F Ü NFTER AKT 



Die Ruinen des eingeäscherten Gosfodarhofs. Im Hinter- 
gründe das Gemäuer des Wirtschaftstraktes. — Nur das 
große ^ unversehrte Hoftor steht weit offen und dahinter wird 

die zerstörte Saat der Äcker sichtbar 
Links das geschwärzte, aber nicht eingestürzte Wohnhaus 
mit der Türe, zu der drei Stufen hinaufführen. Zu beiden 
Seiten der Türe je eine rohe Bank. In der Mitte des Raums 
ein Brunnen. Rechts im Vor der gründe eine kurze Rasen- 
erhöhung, die in die Kulisse ansteigt, wodurch angedeutet 
wird, daß die Straße durch den Hof führt 
Späte Morgenstunde 



ERSTE SZENE 
Gospodar und Physikus treten aus der Türe 

PHYSIKUS 
(mit dem Schlüssel spielend) 
Euer Geheimnis, — dieser Schlüssel dazu — und meine 
Vergeßlichkeit, Herr, haben genügt, und eine kleine 
Welt ist untergegangen. 

Oh herrliche lückenlose Ursachenkette der Natur, in 
die kein überirdisches Prinzip eingreifen muß, das not- 
wendige Wunder zu erfüllen ! Gott selbst, wie Voltaire 
sagt, müßte sich zum Atheismus bekehren. 

GOSPODAR 
Was redet Ihr da? 

127 



PHYSIKUS 
Nun ja, ich weiß! Das Geheimnis gehört dazu als 
Uranstoß, als erstlich Bewegendes. Aber was ist denn 
dieses ganze Geheimnis ? Die restliche Furcht, das böse 
Residuum, das Unverdaute im Magen der Entwicklung ! 
Ach, Ihr solltet französisch lesen können ! 

GOSPODAR 
Herr! 

PHYSIKUS 
Der Aberglaube, Stevan Milic, war's, bei Euch und bei 
Jenen. Mir dürft ihr keine Vorwürfe machen. Habe 
euch immer gewarnt. Habe mich oft angetragen, den 
furchtbaren Wechselbalg in Pension zu bringen. — Aber 
der Schlangenblick der Eitelkeit hielt Euch und die 
Eure gebannt. Es hätte ja an den Tag kommen können, 
daß es auch im Haus des fürstlichen Mannes stinkt. — 
Nun ist es schrecklich an den Tag gekommen. 

GOSPODAR 
Ja, es ist an den Tag gekommen, und ich danke in all 
meinem Elend Gott dafür. 

PHYSIKUS 
Der Aberglaube jener Armen ist gerechtfertigter als der 
Eure. Denn Not und Leiden wollen erlöst werden, und 
leicht sehn sie in einer menschlichen Mißgeburt den 
Gott oder das Gegenteil. 

GOSPODAR 
Jetzt bin auch ich arm wie der Ärmste. 

128 



i 



PHYSIKUS 

(haut ihn hart auf die Schulter) 
Ihr werdet es nicht lange bleiben ! Denn zur Armut 
und zum Reichtum muß man geboren sein wie zum 
Propheten. Es ist einfach eine gewisse Anordnung der 
menschlichen Zellen. — Viel Blut haben die Aufrührer 
vergossen, aber die Soldaten haben noch viel mehr Blut 
unter ihnen vergossen. — Die Armen bezahlen doppelt. 
— Ihr habt den Sohn verloren ? 

GOSPODAR 
Sagt doch beide Söhne, Meister! 

PHYSIKUS 
Der Andere, heißt es, ist in den brennenden Wald ent- 
sprungen und dort umgekommen. 

GOSPODAR 
Erstickt oder verbrannt, wer weiß das . . . 

PHYSIKUS 
Hat man ihn aufgefunden } 

GOSPODAR 
Ich frage nicht darnach. 

PHYSIKUS 
Nun ! Das Leben liegt noch immer vor Euch. 

GOSPODAR 
Mir ist, als hätte ich nicht ein Leben nur gelebt. 

PHYSIKUS 
Fünfzig seid Ihr erst ! 

9 Wer fei, Bocksgesang I 29 



GOSPODAR 

Und gerade heute ist es mir, als wäre dieses Alter die 
wahre Jugend! 

PHYSIKUS 
Ich möchte aus Eurem Holze geschnitzt sein. 

(Et betrachtet die Hausmauer) 
Auch hier die Kugelspuren der Janitscharenbüchsen. 
Der denkwürdigste Kerl war doch dieser Student. 
Wißt Ihr Näheres.?" 

GOSPODAR 
Uns Burschen allen war einst seine schöne Mutter zu 
Willen gewesen. 

PHYSIKUS 
Das ist ein großer Mann, wohlbekannt beim Gouver- 
nement, ein Meister in den Künsten der Verschwörung, 
den man nie erwischen konnte. — Ich diagnostiziere 
selbstverständlich auf Fallsucht. — Sie werden es mit der 
Bastonade nicht genug sein lassen. 

GOSPODAR 
In mir ist Haß wider Niemanden mehr. 

PHYSIKUS 
Und dieser verrückte Weißbart, der Prophet, dem war 
auch nicht mehr zu helfen. Gestern haben sie ihn 
verscharrt. 

GOSPODAR 
Sagt, Herr Doktor, wie konnte dies alles geschehn, wie 
nur in diesen wenigen Tagen des Kalenders .f* 

130 



PHYSIKUS 
Auch die Menschenwelt, Freund, hat ihre leider noch 
nicht erforschten Jahreszeiten, Sonnenfinsternisse, Nord- 
lichter und magnetischen Stürme. Es juckt die Ordnung. 
Die Urverwirrung steigt an die Oberfläche. Das ver- 
borgene Tier stößt uns auf. 

GOSPODAR 

Ich verstehe nicht, was Ihr da sagt. Aber es wird wohl 
wahr sein, denn trotz meines Schicksals, mir ist so 
leicht, so leicht! 

PHYSIKUS 
Das ist ein wohlgebornes Wort der Seele, Milic ! — 
Haha! Seht Ihr, auch Katastrophen, wie alles, sind 
schließlich nur da, um beschwätzt zu werden. Und 
da drüben in der Scheune liegt ein Patient mit zer- 
schossener Lunge. Ich will dem gottverdammten Popen 
zuvorkommen. Ein armer Seiltänzer ist's, der kaum 
den Tag mehr zu leben hat. 

(Lüftet seinen Dr eis fitz) 
Ihr findet mich immer! Exkusiert mich jetzt! 

(Ab) 

ZWEITE SZENE 

Die Mutter tritt aus der Türe 

GOSPODAR 
Mutter! 

(Er faßt sie hei der Hand) 
Kommst du endlich aus der schwarzen Kammer hervor 
und hast dieses alte schöne Kleid angetan, das ich so 
sehr liebe? 

9* 131 



MUTTER 
Ja Vater ! Der Morgen da, so blau ist er heute aufge- 
gangen. Ich — ich — ich — 
Setz dich zu mir, Vater ! 

(Sie setzen sich auf die Türbank) 

GOSPODAR 
Was verschweigst du mir? 

MUTTER 

Verworfen bin ich. Ich muß dir etwas Schreckhches, 
Totsündiges sagen. 

GOSPODAR 
Ich weiß es. Sprich's aus! 

MUTTER 
Totsünde, Vater! 

GOSPODAR 
Sag' das Wort, Mutter! 

MUTTER 

(leise) 
Ich bin glückhch. 

GOSPODAR 
Ich habe dich verstanden. Ich auch — ich auch 

(birgt seinen Kopf in die Hände) 
bin glückhch. 

MUTTER 
Tot sind die Kinder. 

GOSPODAR 
Der Geratene und Mißratene. 

132 



MUTTER 
Der Geheime und der Offenbare. 

GOSPODAR 
Einer durfte nicht leben ohne den andern. Das war 
das Schicksal. 

MUTTER 
Die ewige Seligkeit ist mir verschlossen, — denn, Vater, 
als mein Kind Mirko verblutend lag, — da war es wie 
Freude in mir, wie Freude um des andern willen. 

GOSPODAR 
Du hast ja nur ihn geliebt. 

MUTTER 
Niemals gesehn hab ich den Armen. So war er mein 
Schmerz in allen Stunden und etwas in mir betete heiß 
den Verfluchten an. Aber nun er im brennenden Tod 
verschwunden ist, — wie leide ich — und bin dennoch 
erlöst. 

GOSPODAR 
Erlöst! — Kinder machen den Menschen nicht froh. 

MUTTER 
Froh nur das Weib, solange es Milch in der Brust hat. 

GOSPODAR 
Aber Kind und Haus, sie wachsen und verbauen des 
Menschen Himmel. 

MUTTER 
Und seine Liebe. 

133 



GOSPODAR 
Weißt du Mutter, noch etwas ist da, was mich glück- 
lich und jung macht! 

MUTTER 
Sag's mir. 

GOSPODAR 

(mit einer Geste nach den Ruinen) 
Die Zerstörung! 

MUTTER 
Ja, wir sind arm ! Die Höfe und Meierein niederge- 
brannt, die Ställe leer, die Truhen ausgeraubt . . . 

GOSPODAR 
Aber das Verborgene ist fort ! Dies habe ich er- 
kannt: In jeglichem Besitzen ist Verbergen und in allem 
Bestehenden grinst das Versteckte. Alt werden wir, 
wenn unser Geheimnis heranwächst. — Großes Übel! 
— Aber in den Tag hinein wirken, frech, sinnlos und 
pfeifend, das, — das ist Jugend. 

(Er reckt die Arme) 

— Und ich habe sie wieder. 

MUTTER 
Vater ! 

GOSPODAR 
Mutter! 

MUTTER 

Was reden wir da? Vater und Mutter sind wir nicht 

mehr. 

GOSPODAR 
Ja Vater und Mutter sind wir nicht mehr! Aber was 
sind wir? 

^34 



MUTTER 
Weißt du das Wort nicht? 

GOSPODAR 

(sie lange anblickend) 

Frau ! 

MUTTER 

(mit zitternder Stimme) 

Mann! 

GOSPODAR 

Oh Wort, das lange geschlafen hat ! 

MUTTER 

(tränenüb er strömt) 
Lange . . . und wo war ich ? 

GOSPODAR 
Neben mir! Aber erwachend, aus all dem Fieber er- 
wachend, sehe ich dich jetzt. Dich — das erstemal 
wieder sehe ich nun. 

MUTTER 
Mich ! ? — Aber ich bin es nicht mehr. 

GOSPODAR 
Alles mußte ich verlieren, um dich zu finden. 

MUTTER 
Ich bin es nicht mehr. 

GOSPODAR 
Schöner, schöner bist du mir als damals. Die Sonne, 
die golden rötliche dieses Morgens auf deinem Gesicht, 
ich frage nicht danach, ob dieses Morgens Sonne deine 
Abendsonne ist. 



MUTTER 
Nicht hast du mich angesehn in den Tagen der 
Schönheit. 

GOSPODAR 
Am schönsten ist der reife Mensch. — In deinem 
blonden Haar diese grauen Haare, sie rühren mich so 
sehr, sie rühren mich so tief. — Heihg ist ihre Süßig- 
keit, die ich nicht verstehen kann. 

MUTTER 

(die Stimme versagt) 
Du . . . 

GOSPODAR 
Ich will mit dir nicht den silbernen Jahrestag feiern, 
.aber das zweite Gelöbnis . . . 

MUTTER 

(sinkt in seinen Arm) 

GOSPODAR 

In diesem Kuß ! 

(Sie küssen sich lange und tief) 

GOSPODAR 

(aufstampfend^ breitspurig, laut) 
Ah! He! Ho! Haha! Weib! Du! Mein! Ich bin neu, 
ganz neu! 
Hörst du? Frech, sinnlos, pfeifend in den Tag hinein! 

(Nach einer kleinen Pause) 
Der alte krumme Schimmel ist uns geblieben. Ich 
spanne ihn ein und fange wieder an, — zum Spaß, — 
hahaha, — zum Spaß ! 

(Geht durchs Hoftor ah) 

136 



MUTTER 

(blickt ihm nach mit zag sich breitenden Armen) 

DRITTE SZENE 

St an ja kommt langsam^ setzt sich auf den Brunnenrand und 
bleibt starr, undurchdringlich 

MUTTER 
Noch immer hier! 

STANJA 
Immer wieder hier. Warum mißtraut Ihr mir, Mutter? 

MUTTER 
Der Sohn ist tot. Nichts bindet dich mehr an uns. 

STANJA 
Ich bleibe Eurem Sohn treu, Mutter. 

MUTTER 
Die Deinen haben um dich gesandt. 

STANJA 
Die Meinen? Immer die Meinen! Wer sind die 
Meinen? Laßt mich bei Euch im Haus, Mutter! 

MUTTER 
Du siehst, hier gibt's kein Haus mehr. Deine Stätte ist, 
wo Reichtum und Glück daheim sind, wo die neuen 
Freier vor der Türe schon stehn. Hier ist nur Raum 
für harte Hände, die sich plagen wollen. 

STANJA 
Meine Hände wollen sich plagen, Mutter. 

137 



MUTTER 
Was suchst du bei uns alten vernichteten Leuten, warum 
weichst du deinem Tag aus ? 

STANJA 
Weil ich Eurem Sohne treu bin, Mutter! 

MUTTER 
Und hast ihn, Seltsame, doch gar nicht geliebt, den 
Toten ! 

STANJA 
Warum mißtraut Ihr mir, Mutter? 

MUTTER 
Ich mißtraue dir nicht mehr. — Als du zu uns kamst, 
du Junge, schön stumm hochnäsig^ die mäkelnde 
Schwiegertochter, da habe ich dich, du fremdes Weib 
mit den noch ungesenkten Brüsten, da habe ich dich 
wohl gehaßt. — Ich weiß nicht was dir geschehn ist in 
der gräßlichen Nacht ... 
Zeig' dein Gesicht! 

STANJA 

(wendet ihr Gesicht weg) 

MUTTER 
Kind! Ich hasse dich nicht mehr. Nein, du bist mir 
vertraut. 

STANJA 
So laßt mich hier. 

MUTTER 
Warum redest du nicht? 

138 



ST ANJA 

(von weit her) 
Reden ... 

MUTTER 
Ich will auch nichts wissen. Ach, wenn ich dich an- 
schaue, glaube ich gar nicht, daß du soviel jünger bist 
als ich, Tochter. — Ich habe ein gutes Gefühl für dich. 

STANJA 
Ich weiß, Ihr seid nicht mehr meine Feindin. 

MUTTER 
Gerade darum, und fast schon schweren Herzens rat 
ich dir: Geh! Geh! Was willst du hier.? Bald ist für 
das Weib alles vorbei, und es hat nur einen Tag, nur 
eine Stunde, darauf es seine Macht bauen kann. Du 
wirst den Neuen finden, du Reizende, und vielleicht 
den Besseren ! 

STANJA 
Ich bleibe Eurem Sohne treu, Mutter! 



MUTTER 



Was sagst du da 



STANJA 
Immer das gleiche! Laßt mich bleiben. Ich scheue 
die Arbeit nicht. Ihr werdet mich brauchen können, 
Mutter. 



139 



VIERTE SZENE 

Feiwel, den Hausier er finkel auf dem Rücken, kommt des 

Weges 

FEIWEL 

(schon von weitem her erregt) 
Gott, was ist alles passiert, Gott, was hab ich müssen 
sehn, Ewiger, was muß ich noch immer erleben ! Dieser 
schöne Hof, dieser fürstliche Hof, dieser Königshof! 
Eijajajei! Ein solches Vermögen ! 

(Die Fäuste hallend) 
Die Hungerhunde! 

MUTTER 
Euch kann nicht viel geschehn, Feiwel. Das Eure 
tragt ihr auf dem Buckel. 

FEIWEL 
Und das Mitleid ist nichts, Madame, und die schlaflosen 
Nächte ? Es ist wahr, ich hab' nur mobiles Vermögen, 
aber darum gerade kommt man immer unter die Leute. 
Mit meiner weichen Seele — kann ich mir helfen ? — 
muß ich mich in alle Menschen hineinversetzen, in ihr 
Unglück, ihren Bankerott! Gott, was hab ich da alles 
auszustehn ? ! 

Die Christen sind prächtige Geschöpfe, aber was Mit- 
leid ist, wissen sie nicht. 

MUTTER 
Und doch seid ihr der Hetzer und Wortführer gewesen ! 

140 



FEIWEL 

(zu ei cht üb er trieben zurück) 
Gerechter Vater, wer hat mir das aufgebracht? Meine 
Feinde, die Gottlosen in Mizraim. 
Ich bin ein gebildeter Mensch. Die deutschen Zeitungen 
kann ich lesen und weiß, was das ist: Politik! Und 
weil ich ein geborner Redner bin, habe ich eine Rede 
gehalten vor den Alten. Was hab' ich davon gehabt? 
Aus Mitleid hab ich geredet für die Hungerleider. 
Reden halten die größten Staatsmänner. Pro und 
contra. Und deshalb, Gott der Gerechte, soll ich ein 
Hetzer sein? 

Aber natürlich, wenn der Hagel fällt, wird der lud* 
gepeitscht. 

MUTTER 
Ihr wart doch einer der Wildesten, Feiwel ? 

FEIWEL 
Ich? — Weh! — Da muß ich mich doch hinsetzen. 

(Er setzt sich auf die Bank) 
Das ist mein Schicksal: Ich bin dabei und bin nicht 
dabei und bin nicht dabei und bin dabei. Wie ihr mich 
hier seht, so bin ich auch damals des Weges gekommen, 
ich wollte nicht, doch sie haben mich mitgezogen, 
mich Schwachen, Ängstlichen. Warum bin ich mit- 
gegangen? Warum? Um die wilden Gojim zu be- 
schwichtigen ! Ich war ja nur Kiebitz. Aus Mitleid 
für euch! 

Aber ich weiß, ihr wollt mich denunzieren, zugrunde 
richten . . . 



141 



MUTTER 
Nein, das will ich nicht, Jud! Ich klage niemanden an. 

FEIWEL 
Das ist ein Wort, das Gott ins Buch schreibt. — Die 
es hat treffen sollen, hat es getroffen. Der Amerikaner 
ist tot, der Seiltänzer liegt im Sterben, und der große 
Hauptbösewicht ... 

STANJA 

(gleichgültig) 
Der Hauptbösewicht? 

FEIWEL 

(die Augen beschattend, lugt in die Ferne) 
Wartet ! Vielleicht kann man das von hier sehn ! 

STANJA 
Was.? 

FFIWEL 

(grinsend) 
Ah, mein Fräulein ! Nichts für Euch ! Trotzdem, — 
ich muß sagen, — Respekt vor der Demoiselle . . . 

STANJA 
Wohin schaut Ihr da? 

FEIWEL 
Man kann es nicht sehn. 

STANJA 
Was kann man nicht sehn? 

142 



FEIWEL 
Das, was sie für den Studenten auf dem Hügel er- 
richtet haben. 

STANJA 

(ruhig) 
So ist es schon vorüber? 

FEIWEL 
Nein ! Es findet zur Mittagsstunde statt. Doch jetzt be- 
ginnt schon der Zulauf. Das können auch nur Christen 
aushalten. 

(Nimmt den Pinkel ah) 
Aber ich vergesse das Geschäft. Damit ihr seht, was 
ich für ein Mensch bin ! Als Einziger habe ich mich 
den Verhältnissen angepaßt und unter hundert Stra- 
pazen — (weh, meine Krampfadern!) - die Artikel 
hab ich beschafft, die man zum Aufbau und zur 
Wiedereinrichtung benötigt. 

(Hausiererton) 
Nägel aller Größen, praktische Werkzeuge gefällig, 
Leim, Feuerschwämmchen, echtgoldene billige Hemd- 
knöpfe, dauerhafte christliche Heiligenbilder, süß- 
schmeckendes Laxierpulver . . . 

MUTTER 
Geht Feiwel ! 

FEIWEL 
(huckt auf) 
Ich und zudringlich ! ? ! 
Euer Diener, meine Damen ! 

(Er schwankt im Xick'Lack ah) 

H3 



ST ANJA 
(nimmt die Hand der Mutter) 
Mutter? 

MUTTER 

Ich weiß nicht, wer du bist. Aber Braut des Sohnes 

(Sie küßt sie leicht auf die Stirne) 
lebe von nun an mit uns. Ich wills meinem Alten sagen. 

STANJA 

(senkt tief ihren Koff) 

MUTTER 

(geht ins Haus) 

STANJA 

(setzt sich wieder auf den Brunnenrand) 

FÜNFTE SZENE 

Der Gosfodar J evrem V esili^c und Stanjas Mutter 

treten auf 

GOSPODAR JEVREM 
Da kommen wir selbst. Der vielen Botschaften und 
Sendungen hast du nicht geachtet und der Wagen, der 
dich holen sollte, kam leer zurück. 

STANJAS MUTTER 
So haben wir die Wegesmüh auf uns geladen, Kind, 
und kommen, dich mitzunehmen von hier. 

STANJA 

(als hätte sie überhört) 
Wie geht es euch, Eltern .f^ 

144 



GOSPODAR JEVREM 
Nur Sodom vernichtet der Himmel. 

STANJAS MUTTER 
Aber die Gerechten schont er. 

GOSPODAR JEVREM 
Von uns kann kein böses Geheimnis ausgehn. 

STANJAS MUTTER 
Und wir verbergen keine Sünde im Haus. 

GOSPODAR JEVREM 
Über dem Hochmütigen hängt die Wolke. 

STANJAS MUTTER 
Der Wasserkrug an der Tischkante v^artet, daß einer 
ihn umstößt. 

GOSPODAR JEVREM 
Es ist gut, daß sie nicht da sind und v^ir keine falschen 
Worte reden müssen. 

STANJAS MUTTER 
Die Gottlosen scheut die Seele der Frommen . . . 

GOSPODAR JEVREM 
Und wir sind glücklich, daß nichts daraus geworden ist. 

STANJAS MUTTER 
Der Tote war ein Lappen. 
Unsegen und Schmach hättest du uns ins Haus gebracht. 

GOSPODAR JEVREM 

Solch eine Verschwägerung! Wir sind die Ange- 
sehensten. Aber fast ist schon ein Fleck auf uns. 

lo We rfe 1 , Bocksgesang ^45 



ST ANJAS MUTTER 
Wir werden Kerzen stiften . . . 

GOSPODAR JEVREM 
Und haben für dich den Richtigen im Auge . . . 

STANJAS MUTTER 
Den Besseren, den du nehmen wirst . . . 

GOSPODAR JEVREM 
Eine FamiUe, wie man sie nicht wieder findet . . . 

STANJAS MUTTER 
Und sie sind reicher, als diese da waren. 

GOSPODAR JEVREM 
So sei denn glückUch, du Böse, und sag ein Wort ! 

STANJA 
Ich bleibe des Milic Verlobte, ihr Eltern ! 

GOSPODAR JEVREM 

(die Erregung wider die Tochter übermannt ihn) 
Trotz mir nicht, Mädel! Ich bin hierhergekommen. 
Aber Groll ist in mir. 

STANJAS MUTTER 
Dieselbe bist du uns nicht mehr seit all den Geschichten. 

STANJA 
Was habe ich euch denn angetan? 

GOSPODAR JEVREM 
Jeder ist an seinem Unglück selbst schuld. 

146 



STANJAS MUTTER 
Immer warst du eine, die nicht dazu gehören will, 
Duckmäuserin! Das bringt Unglück. 

GOSPODAR JEVREM 
Deine Freundinnen alle ? Sie bringen Glück den Eltern. 
Gut unter der Haube sind sie. Unglück ist Schande. 

STANJA 
Ich habe euch gehorcht, Eltern ! 

GOSPODAR JEVREM 
Schlecht hast du gehorcht, und immer mit Eigenwillig- 
keit. Wir kennen dich nicht. Zu wenig hab ich dich 
geschlagen. 

STANJA 
Was schmäht ihr mich an diesem Tag i 

GOSPODAR JEVREM 
Übler Erfolg verdient den Stock. 

STANJA 
Ihr habt mich ja selbst in dieses Haus gebracht. 

GOSPODAR JEVREM 
Begehre nicht auf gegen deinen Vater. Das bittere Gift 
steigt mir in den Mund. Komm jetzt! 

STANJA 
Hier bleibe ich, Eltern, in meiner Witwenschaft. 

STANJAS MUTTER 
Witwen Schaft, du Verrückte? Jungfer bist du, und das 
ist noch das einzige, was sich an dir bezahlt. 

lo* 147 



GOSPODAR JEVREM 
Zum letztenmal sag' ich dir: Auf! 

STANJA 
Geht nach Hause, Vater und Mutter! 

GOSPODAR JEVREM 

(hebt rasend den Stock gegen sie) 
Ah! Weh dir! Mein Besitz bist du! Kusch dich, 
Hündin ! Der Teufel weiß, was du getrieben hast. 

ST ANJAS MUTTER 
Jesus ! Dem Vater wird schlecht. Er ist alt. 

GOSPODAR JEVREM 
(keuchend) 
Mein Herz — Mein Herz — 

ST ANJAS MUTTER 
(kreischt) 
Wenn ihm was geschieht, du bist die Mörderin. 

STANJA 
Eltern, geht fort von hier! Geht! 

GOSPODAR JEVREM 
Ich gehe, gehe! Nicht zerre ich dich fort, denn ich 
seh' dich nicht mehr, du bist mir nicht mehr. Ein 
letztes Wort sei dir aber gesagt ! Bist du morgen bis 
Sonnenuntergang nicht zu Kreuze gekrochen und rück- 
gekehret ins Haus, so stirbst du an meinem Fluch, 

(brüllend) 

an meinem Fluch. 
(Schnell ab) 

148 



STANJAS MUTTER 
(ihm nacheilend) 
Vesilic, reg' dich nicht auf! Nicht aufregen, Jevrem 
Vesilic ! 

(Sie droht zurück) 

Du! 

STANJA 

(allein) 
Nicht diesem Fluche sterbe ich. 

(Erstickt) 
Wo?- Wo?- Wo? 

Sie späht in die Richtung, wohin Feiwel ausgeschaut hat. 
Plötzlich dreht sie sich um, da 

SECHSTE SZENE 

steht Juv an, gefesselt, vor ihr. Hinter ihm der eskortierende 
B aschi Bozuk und zwei Soldaten 

JUVAN 
Baschi Bozuk ! Habe ich die Vergünstigungen des 
DeHnquenten in Anspruch genommen? 

BASCHI BOZUK 

Du hast den Pilav ausgeschlagen und den Wein stehn 

lassen. 

JUVAN 

So bist du mir die Erfüllung meines Wunsches schuldig ! 

BASCHI BOZUK 
Das steht nicht in meiner Instruktion. 

JUVAN 
In deiner Instruktion steht auch nicht, daß ich dir ohne 

149 



Zweifel entspringen werde, wenn du nicht auf mich 
hören magst. Nicht zum erstenmal würde mir dies 
gelingen. 

BASCHI BOZUK 

Ich werde dir die Fußkette anlegen lassen. 

JUVAN 

Das ist nicht nötig. Sieh in die Wahrheit meinef Augen ! 

Du hast mein Wort. Wenn du mir Zeit gibst, mit 

dieser hier zu reden, wirst du keine Ungelegenheit 

haben. 

BASCHI BOZUK 

Wirst du dein Wort halten ? 

JUVAN 
Sieh in die Wahrheit meiner Augen ! 

BASCHI BOZUK 
So will ich um deinetwillen, obgleich du ein Unreines 
Essender bist, meine Befugnis übertreten. 

(Kommandiert den beiden Janit scharen) 

Kehrt euch! Zehn Schritt vorwärts marsch! Halt! 

Kehrt euch ! 

DIE SOLDATEN 

(fostieren sich für den Zuschauer unsichtbar) 

BASCHI BOZUK 
(kommandiert) 
Gewehr in die Balance ! Fertig! Hoch! An! 

(TjU Juvan) 

Du siehst, wenn du nur eine zweifelhafte Bewegung 

machst, so ist auch dieses Mädchen verloren. Ich gehe 

aus der Hörweite und will einige Male bis hundert zählen. 

(Ab zu den Soldaten) 

150 



SIEBENTE SZENE 

St an ja Jiivan 

JUVAN 
Du weißt, wohin ich gehe. 

STANJA 

(schweigt) 

JUVAN 
In mir war kein Zweifel, daß ich dir begegnen mußte 
auf diesem Weg. So bin ich mit geschlossenen Augen 
gegangen. 

STANJA 
Ich habe gewartet. 

JUVAN 
Du kennst, Stanja, die Frage an dich, die schrecklich 
in mir lebt. 

STANJA 

(mit großer Zärtlichkeit) 
Ich kenne sie ! Geh ruhig, geh ruhig dahin, Juvan ! 

JUVAN 
Er aber hat geschrien, den Liebesschrei geschrien ! 

STANJA 
Rein bin ich dir bis zum Tod ! Geh ruhig, Juvan ! 

JUVAN 
Wie ist das, Geliebte? Ich spreche jetzt das erstemal 
mit dir. Und doch, wieviele Wege, Schwester, sind wir 
Hand in Hand gegangen . . . 



STANJA 
Ich spreche nicht das erstemal mit dir. Aus vielen 
Träumen kenne ich diese deine neue Stimme. 

JUVAN 
Rede, rede, rede! Dahinten zählt einer. 

STANJA 
In der Wind-Nacht bist du, Herberge fordernd, ins 
Haus gekommen. Da saßest du auf der Bank und ich 
bin durch die Stube gegangen, einmal, zweimal . . . 

JUVAN 
Ich habe — vergessen. 

STANJA 
Ich habe nicht vergessen. 

JUVAN 
Warte! Nicht vergessen! In meiner Schv^ärze ein 
Schein durch kleinen Türspalt. — Ich habe gesucht. 

STANJA 
Und der du mich nicht erkanntest, als ich mit dem Ver- 
lobten an deinem Tisch saß, du hast mich doch erkannt, 
ich weiß es. 

JUVAN 
Ja! Dies ist so. Warum hätte ich dir sonst weh tun 
müssen? — Und da ist das Geheimnis zwischen uns 
gesprungen. 

STANJA 

(ganz leise) 
Das Tier. 

152 



JUVAN 
Siehe! Jetzt ist es mir, als wäre uns das Geheimnis 
entsprungen. 

(Ihre Hand -packend) 

Nein, nein ! Nicht dir, — mir ! ! 

STANJA 

(tief, wie getröstet) 
Warst du es? 

JUVAN 
Ich aber habe dich ihm vorgeworfen. 

STANJA 

(in ihrem Stolz ein Blitz von Erbitterung) 
Das ist nicht wahr. Ich habe dich besiegt. Denn selbst 
und freien Willens bin ich hineingegangen. 

JUVAN 
Du hast mich besiegt. Als ich dir zitternd das Messer 
gab, war ich verloren, meine Sache, sie alle waren ver- 
loren und das Krummhorn der Türken drohte vom Berg. 

STANJA 
(mütterlich) 
Mann, jetzt bist du zu mir gekommen. 

JUVAN 
Wahnsinn! Wer war ich.? Wer.f^ Auf dem Rücken 
liegend bestarrt' ich den toten Himmel, ohne Gedanken, 
voll nur der Leidenschaft, etwas zu rächen, was ich 
niemals gekannt habe, vielleicht den namenlosen Vater ! 
Haß wider die Sicheren, Ehrzappelnden, Bös- 
Bemühten ! Sehnsucht der Rückkehr in Tier-Aug und 

153 



Atem ! Nur eine Lust in mir, die des Untergangs, nur 
eine Freude, einsam in den Sturm zu brüllen, nur ein 
Licht : das Licht, das vom Feuer kommt ! Ewig gesellt 
den Gefährdeten, weil ich so durstig war nach der täg- 
lichen Vernichtung, nach diesem ungeheuren Rausch ! 
Da aber . . . 

STANJA 
Da aber, oh mein Gehebter? 

JUVAN 
Da ist der Tag gekommen nach den vielen brennenden 
Nächten und ich bin heute in diesen Frühlingshimmel 
erwacht. Es ist mein letzter Tag. 
Weil ich gehaßt habe, mußte das Weib mich zer- 
schmettern und erwecken. 

Oh oh das Wunder des Morgens geschah mir! Zum 
erstenmal sah ich die Lerchen in ihrem Singen brennen, 
der Schrei brach aus mir und die Welt warf mich hin. 
Da wußte ich dich, überall wußte ich dich . . . 

STANJA 
Rede, rede, rede! Dahinten zählt einer. 

JUVAN 
Dich liebend, — liebte ich. Sanft war die Hand gehöhlt, 
die gefesselte, zu schöpfen, zu streicheln. Oh du Frau, 
du Helle mit den starken Gliedern! Lieben — zum 
erstenmal — das ist so stark, — so stark — 

(Die Tränen rinnen ihm über die Wangen) 

STANJA 
So sag' mir, du Mund, der jetzt noch atmet, sag' mir 

154 



eins: Da wir füreinander zur Welt kamen, warum 
durfte es nicht sein? 

JUVAN 
Leicht finden, leicht lassen sich die Zufälligen. Aber 
was vermögen wir gegen unsere Seelen, diese unerbitt- 
lichen Geschwister? 

Todsüchtig häufen sie Schwärze zwischen ihr Licht 
und ihr Adel ist, daß sie es sich schwer machen. 

STANJA 
Warum, warum? 

JUVAN 
Weil alles Ewige die Erfüllung fürchtet. 

STANJA 

(aufschreiend) 
Ich will dich haben, ewig, ewig ! Geh nicht von mir, 
jetzt nicht. Ich muß es dir sagen . . . 

JUVAN 
(an seinen Fesseln zerrend) 
Stanja! Rede! Er hat dich berührt. 

STANJA 

(mit aufglänzender Stimme) 
Nein, du Geliebter! Nein! Dieses Leben, wisse, ist dein! 

JUVAN 
Sagst du das nur, um das Sterben mir leicht zu machen ? 

STANJA 
(umklammert ihn) 
Wie soll ich denn leben, wenn du nicht bist?! 

^55 



JUVAN 
(brüsk) 
Ich fühle, er hat zu Ende gezählt. 

STANJA 
Höre und tu's schnell, solang es noch Zeit ist. Wenn 
du mich liebst, fliehe, entflieh . . . ! Sie werden uns 
beide töten. 

JUVAN 
So sage mir nochmals, daß du ihm nicht verfielst . . . 

STANJA 
Du weißt die Wahrheit. — Und jetzt, du mein Leben, 
tu rasch ein paar Schritte. Sie werden schießen und 
alles ist gut. 



Nein! 



Noch ist es Zeit. 



JUVAN 
(nach einer Pause) 

STANJA 

(bebend) 



JUVAN 
Nein! Du sollst leben! Ich muß dich hinter meinem 
Rücken in der Welt wissen, o Weib, wie die Wärme 
und das Licht, damit ich eine Heimat verlassen kann. 

STANJA 
(an ihm herabsinkend) 
Immer wieder verstößt du mich. 



156 



ACHTE SZENE 
Baschi Bozuk und Soldaten treten vor 

BASCHI BOZUK 
Ich habe gnädig gezählt. Jetzt komm, Student ! 

(Er legt die Hand auf ihn) 

JUVAN 

(die Hand abschüttelnd) 
Du bist nur meine Vollstreckung. — Die Welt kocht in 
mir. Ich sterbe aus Übermut. 

(Rasch ab. Die Eskorte folgt) 

STANJA 
(allein) 
Ihm ist alles Sekunde. Ich aber muß die Zeit ertragen, 
meine ganze Zeit. 
Ich Verfluchte ! 

MUTTER 
(aus dem Hause tretend) 
Ich habe ein Essen bereitet. W^ir wollen den Vater 
rufen — Wer kommt } . , . 

NEUNTE UND LETZTE SZENE 

Der betrunkene Schinder kommt mit seinem leinwand- 
be scannten Wagen, den ein armseliges Maultier zieht 

DER BETRUNKENE SCHINDER 
Hüah! Prr! Prr! 

Ihr Frauen vom Haus hier, he, he! — Ist euch ein 
Schnäpschen übriggeblieben ? 

'57 



MUTTER UND STANJA 

(schweigen entsetzt) 

DER BETRUNKENE SCHINDER 
Was ? Keiner da ? Das Wirtshaus aus . . . ausverkauft. 
No ! Ich hab' ja vorläufig genug. Kennt ihr mich } 

MUTTER 
Fort! Schinder! 

DER BETRUNKENE SCHINDER 
Ah was! Solche Namen! Ich bin Staats . . . Staats- 
beamter. Aber wenn ihr wüßtet, was ich heute führe . . . 
(Ein Volkslied singend) 
Der Heldenmensch tritt unversehrt 
Aus Qualm und Weltbrand vor uns hin 
Und führt zum Sieg uns fürder vor. 
Die Geschäfte gehn gut ! 

(Peitscht die Luft) 



Ins Haus! 



Nein bleibt! 



MUTTER 

(wankend) 

STANJA 

(hält sie zurück) 



DER BETRUNKENE SCHINDER 
Ei, ich weiß, neu . . . neugierig sind die Weiber. Aber 
ich diene ihnen immer den Schönen . . . 
Also ich habe heute da drin zwei abgestochene Hunde, 
drei ersoffene Katzen, lauter sehr sehr brauchbare Felle, 
und dann, hahaha, und dann, neu . . . neugierig sind 
die Weiber . . . 

158 



MUTTER 
Laß mich gehn ! 

STANJA 
(hält sie mit eisernem Griffe) 
Bleibt! 

DER BETRUNKENE SCHINDER 
Und dann das . . . das große große Kuriosum. Im ver- 
kohlten Wald lag's da, lag's da, kein Haar versengt. 
Ein Wunder! Der Archimandrit soll's heiligsprechen. 
Da hab' ich nun bei mir den Leibhaftigen, der mich 
bald holen wird. 

MUTTER 

(schreit leise) 

FERNER TROMMELWIRBEL 

DER BETRUNKENE SCHINDER 
Trommelt nur! Von Galgen -Ware v^ill der Kürschner 
nichts v^issen. 

STANJA 

(tut einen kleinen Schritt) 

DER BETRUNKENE SCHINDER 
Nein ! Das gibt's nicht. Besichtigung nur gegen Entree. 

Und nicht einmal einen Slivov^itz ! Hüäh ! 

Aho!... 

(Ab mit seinem Gefährt) 

MUTTER 

(aus einer langen Leblosigkeit erwachend) 
Er v^ar in mir und v^uchs in meinem Leib. Ich gebar 
und liebte ihn. Wenn ich den Entsetzlichen auch nicht 
zu sehen wagte, in zehntausend Nächten des Elends 
lauschte ich nach dem Ort hin, wo sein Herz schlug, 

159 



und war glücklich, daß er lebte. Jetzt wird er auf 

dem Schindanger verscharrt werden, er, der aus mir 
kommt, und keine Spur und nicht einmal ein Name 
bleibt von meinem furchtbaren Muttergeheimnis in 
der Welt. 

STANJA 
Du irrst, Mutter! Er bleibt in der Welt. 

(Eine Zuckung kalt beherrschend) 
Ich habe ein Kind von ihm. 

Der Vorhang ist schnell gefallen 



ENDE 



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